Worin besteht der Unterschied zwischen einem Versicherungsunternehmen und einem Zocker? Vor allem im Image. Assekuranzen müssen als verlässlich gelten, um Erfolg zu haben. Spieler hingegen sind der Inbegriff des Unseriösen. Dennoch liegen die Wurzeln des Versicherungsgeschäfts genau da: im halbseidenen Wettmilieu. Wie daraus eine weltweit tätige Gesellschaft erwächst, beschreibt Marlies Lehmann-Brune in ihrer Story von Lloyd's of London. Längst ist der Name Lloyd's zum Synonym für Versicherungen geworden. Doch Namensgeber Edward Lloyd war schlicht Gastronom. 1688 eröffnete er in der Londoner City ein Kaffeehaus. Seine Gäste waren Seefahrer und Kaufleute, die mit dem Seehandel zu tun hatten. Der Wirt versorgte sie stets mit den neuesten Schiffsnachrichten, die von Korrespondenten in vielen Hafenstädten stammten.

Der Seehandel war damals ein gefährliches Geschäft. Piraten beherrschten die Meere, und das Kapern fremder Handelsschiffe war Usus bei Auseinandersetzungen zwischen Staaten. Reeder und Händler suchten nach Möglichkeiten, ihr Risiko zu minimieren. Sie wurden bei Privatleuten fündig, die sich gegen eine Prämie bereit erklärten, mit ihrem Vermögen zu haften, falls eine Ladung ihr Ziel nicht erreichte. Manch einer, wie der Schriftsteller Daniel Defoe (Robinson Crusoe), ruinierte sich bei diesem Glücksspiel. Für die underwriter waren Informationen über drohende Gefahren in aller Welt wichtig. Deshalb schlossen auch sie ihre Geschäfte bei Lloyd's ab, wo stets die neuesten Nachrichten vorlagen. So wurde das Kaffeehaus im 18. Jahrhundert zum wichtigsten Zentrum für Seetransport-Versicherungen. Als sich immer mehr zwielichtige Gestalten in dem Lokal einnisteten, die Wetten auf alles Mögliche abschlossen, gründeten 79 seriöse underwriter die Society of Lloyd's. Sie mieteten Räume über der Londoner Börse und errichteten dort holzgeschnitzte Sitznischen im Stil von Edward Lloyd's Coffee House. 1779 beschlossen sie, künftig nur noch Einheitspolicen zu unterschreiben. 1811 schlossen sie einen Trustvertrag

1871 wurde die Society of Lloyd's zur Corporation of Lloyd's, also zur juristischen Person.

Dennoch bürgten weiterhin Privatpersonen mit ihrem Kapital. Es galt als chic, underwriter bei Lloyd's zu sein. 1989 waren es über 31 000 so genannte names, darunter Expremier Edward Heath und Camilla Parker-Bowles, Multimillionär Adnan Kashoggi und die Herzogin von Kent. Zu Beginn der neunziger Jahre jedoch brachten zahlreiche Katastrophen den Mitgliedern gewaltige Verluste ein und ruinierten manch eine Existenz. Die Zahl der Privatinvestoren sank drastisch, erstmals wurden auch Firmen als Mitglieder aufgenommen. Auf diese Weise büßte die Versicherungsbörse ihre jahrhundertealte Exklusivität ein. Aber Lloyd's hofft, sich so auch im nächsten Jahrhundert zu behaupten.

Marlies Lehmann-Brune beschreibt die Story von Lloyd's of London als anschauliche Zeitgeschichte der vergangenen 300 Jahre. Denn die Existenz der weltgrößten Versicherungsbörse ist eng verknüpft mit herausragenden Ereignissen. Mit der großen Politik: von Napoleons Eroberungszügen über den amerikanischen Unabhängigkeitskampf bis hin zum Golfkrieg. Und mit Tragödien wie dem Untergang der Titanic, dem großen Erdbeben von San Francisco oder dem Flugzeugabsturz von Lockerbie. All das macht das Buch zur spannenden Lektüre - auch für Leser, denen die Versicherungsbranche fern ist.

Marlies Lehmann-Brune: Die Story von Lloyd's of London

Droste Verlag, Düsseldorf 1999