Einen Mann wie Muhammad Ali lässt man nicht warten. Der Highway 94 in Richtung Osten zieht sich scheinbar endlos hin. Bis nach Berrien Springs, einem verschlafenen Nest in Michigan, drei Autostunden von Chicago entfernt. Die Sackgasse, die an typischer Vorort-Architektur vorbei zu Alis Farm führt, endet vor einem schmiedeeisernen Gitter. Dahinter ein weitläufiges Gelände, kurz geschorener Rasen, alte Eichen und vier weiß gestrichene Holzhäuser, die sich darunter ducken. Kein Bodyguard, kein Wagenpark, nur ein Station Wagon neuer Bauart.

Wir kommen zu viert: ein Kamerateam aus Deutschland und der deutschstämmige Hans-Jürgen Massaquoi, ein alter Freund des berühmten Boxers. Leicht beklommen sehen wir der Begegnung entgegen. Seit etwa 15 Jahren leidet der 57-jährige frühere Weltmeister im Schwergewicht schon am Parkinson-Syndrom, auch Schüttellähmung genannt. Sein letzter großer Auftritt bei den Olympischen Spielen in Atlanta, als er zitternd, aber erkennbar stolz die Flamme entzündete und die Nation so rührte, liegt schon drei Jahre zurück; nur eine Sekunde lang zeigten ihn die Kameras, als er im Sommer die Trauerfeier für John F. Kennedy junior besuchte.

Melanie, die Assistentin, öffnet das Tor. Der "größte Boxer aller Zeiten" kommt uns auf einem weißen Golf-Cart entgegen. Er steigt aus, um uns mit ausgebreiteten Armen zu begrüßen. Auf den ersten Blick gibt er in den Khakihosen und mit dem karierten Hemd das Bild eines normalen Ruheständlers ab, der sich aufs Land zurückgezogen hat. Dann zeigt sich: ein gebeugter Mann, dem das Gehen schwer fällt, weil seine Füße immer wieder stolpern oder weil er das Gleichgewicht zu verlieren und nach vorn zu fallen droht. Das Zittern der Hände ist nicht mehr zu kontrollieren. Die Krankheit hat seine Motorik zerstört. Schlimmer noch: Er kann sich kaum noch artikulieren.

Nur als Murmeln ist die Stimme zu vernehmen, die früher so laut tönte. Erst nach längerem Zuhören lassen sich einzelne Wörter herausfiltern. Kaum zu glauben, was Massaquoi uns auf der Fahrt hierher verraten hat: "Früher konnte er minutenlang aus dem Stegreif reimen." Reime, die er eben mal so erfunden hatte, wie die berühmte Begründung, warum er nicht als Schaukämpfer vor den Truppen im Vietnamkrieg auftreten wollte. "Und fragt ihr mich auch noch so lang / Über den Krieg in Vietnam / Sing ich den Song / Ich hab keinen Streit mit dem Vietcong." Ali, der Vater aller Rapper. Jetzt fällt ihm jedes Wort schwer. Aber dann - diese Augen. Sie lachen, immer noch. Und verraten den wachen Geist hinter allen Beeinträchtigungen, die die Krankheit diesem Mann zumutet.

Er weiß, dass die Welt ihn bedauert. Und kämpft doch mit aller Kraft, das alte Rollenbild zu erfüllen und auch als kranker Mann seine Würde zu bewahren. Filmaufnahmen gestattet er schon lange nicht mehr. Und auch Fotos sind selten geworden. Jetzt aber hat er sich in den Kopf gesetzt, seine Gäste selbst über das Anwesen zu führen. Bauarbeiter sind gerade dabei, eine neues Gebäude auf dem Gelände zu errichten. Ali zeigt hinüber: "Mein neues Büro."

Als Erstes zieht er uns in sein Fitness-Studio. Eine komplett ausgestattete Trainingshalle. Einzelne Gewichte, eine Gewichtbank, ein Sandsack in der Ecke und in der Mitte ein richtiger Boxring, nebenan der unvermeidliche Jacuzzi. Alles unbenutzt, fast klinisch sauber. Hier fiel noch kein Tropfen Schweiß, hier hängt kein Hauch von Anstrengung in der Luft. Die Fotos ringsum erinnern an die größten Triumphe des Schwarzen aus Kentucky, an den Sieg über Joe Frazier im New Yorker Madison Square Garden, 1974, und an seinen Triumph aus dem gleichen Jahr gegen George Foreman in Kinshasa, Zaire.

Plötzlich holt er mit der Rechten aus