Tita in den Ferien. Der Vater arbeitslos, die Mutter leicht genervt, Tita gelangweilt. Man hat sich für einen "netten kleinen Bauernhof" nahe der Stadt entschieden, während die Freundinnen Postkarten vom Meer und aus den Bergen schicken. So weit, so öde, bis die zwölfjährige Tita im Keller auf eine alte Holztür stößt, sie aufbricht und an der anderen Seite des Hofes auftaucht. Kies anstelle des Asphalts, der halb verrostete Lastwagen ist verschwunden, und dieser Junge trägt so eigenartige Kleidung.

Der Leser ahnt, was da passiert ist und gleich zur Gewissheit wird: Tita ist zurückgegangen, 100 Jahre, durch diese Tür, in jene Zeit, in der Leo lebt: 1899. Der eine tot, die andere noch nicht geboren, sie lächeln sich an. Eine Zeitreise beginnt: zu Leos Dorf, dem Kramerladen, der Volksschule mit Auf-Setzen-Auf-Setzen, zu Titas Stadt, den Ampeln, Fotoautomaten, bei Grün blitzt's.

Während Leos Mutter mit Lungenentzündung im Sterben liegt, leidet Titas Vater am täglichen Elend der Erfolglosigkeit. Die Kinder können sich helfen, weil sie in verschiedenen Zeiten leben: Tita sorgt für Antibiotika, und Leo erinnert sich an scheinbar wertlose Briefmarken zu Hause auf der Kommode. Vielleicht sind das ja Engel: Kinder in der falschen Zeit.

Das Wunderschöne an diesem schmalen Buch: Nichts muss sich erklären, nichts auflösen und eine tiefe Bedeutung haben. Am letzten Ferientag verabschieden sich die beiden. "Ich vergesse dich nicht", sagt Leo zur Zukunft. Und vorher las man: "Tita ist nur Gast und kann sich eine Nase voll nehmen, eine Nase voll Heu, voll Pferd, voll Leo." Das gilt auch für den Leser. Viel mehr sollte man sich nicht wünschen.

· Angelika Waldis:Tita und Leo. Eine Feriengeschichte Haffmans Verlag, Zürich 1999; 112 S., 25,- DM