Im Frühjahr 1999 wurden die Stasi-Kontakte der Ostberliner Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser offenbar. Wie bei IMs üblich, hatte sie niemandem geschadet. Die Offenbarer hakten nach und ermittelten als Schadensfall den Schriftsteller Peter Brasch. Fortan hatte Brasch über mangelndes Medieninteresse nicht zu klagen, lediglich darüber, dass ihn jeder nach Frau Oechelhaeuser fragte und keiner nach seinem neuen Buch.

Besagtes Buch heißt Schön hausen. Der Titel ist das einzig Trockene an diesem Werk, in dem es immerfort etwas zu trinken gibt. Schön hausen erweitert den Kanon starker Frauengestalten in der abendländischen Literatur um eine unvergessliche Figur: das saufende Rotkehlchen Giorgina.

Es folgen: Frau Stechbart vom Einwohnermeldeamt, der künstlerische Fotograf Bernd G. Kunerjee, die vietnamesischen Entspannungsdienerinnen Thran und Minh, die Arbeitsämtlerin Isolde Terzki, der Berber Kalle Kurzweg, eigentlich noch wohnhaft in Königs Wusterhausen, wo sich aber seine Ehefrau dem Haus-Alteigentümer aus Hameln zu geschlechtlicher Verfügung hält. Gern picheln wir mit Giorgina im Greifenhagener Eck, weniger gern in der Pizzeria San Marco II, deren rumänische Betreiber ihr original italienisches Essen aus Chappi und Kitekat fertigen. Wir türmen, ohne zu zahlen, rasch, die Treppe hoch zum U-Bahnhof Schönhauser Allee, rein in die Bahn und an der Eberswalder ganz schnell wieder raus, wegen Fahrscheinkontrolle. Und so fort, immer hektisch übern Ecktisch. Endlich findet unser sizilianisches Pärchen einen seelenverwandten Ruhepol: den verbummelten Autor Brasch.

"Peter Brasch", orgelt der Klappentext, "hat ein anarchisch-groteskes Prosastück geschrieben, in dem sich Wahn, Schmerz und Widerständigkeit als Dimensionen der Existenz finden." Ei, verflucht, da hat wohl verkehrt gelesen, wer Schön hausen als poetische Persiflage auf die Berliner Neuzeit versteht. Denn vor allem verweigert sich Braschs provinz-versponnener Text dem Hauptstadtgetue, das gelernten DDRlern schon zur SED-Zeit furchtbar auf den Wecker gefallen ist. Zu behaupten, dass sich eijentlich nüscht jeändert habe, ist ein Ostberliner Menschenrecht, besonders wenn man diese Stadt schon so viel länger erträgt als die zugereisten Bedeutungshuber mit ihren "angesagten Locations" in Mitte und "Prenzlberg". Braschs Berlin okkupiert keiner. Es liegt nach Pankow raus und weitenteils in seiner Ost-Erinnerung, die alles allzu Heutige kalauernd karikiert.

Freilich verlegt Brasch seinen Ariadnefaden recht locker durch das Karree von Wisbyer und Dimitroffstraße, von Schönhauser und Prenzlauer Allee. Und manchmal liest sich Schön hausen, als brutzele hier eine Prosa aus den Resten, die er noch im Kühlschrank fand, statt mal ordentlich was Frisches einzukaufen. Aber das soll so sein, als Topos des Buchs. Braschs Autor Brasch ist schon seit längerem nicht mehr aus der Wohnung gegangen.

"Ich trank meinen Kaffee aus", so schließt das Buch, "und dachte darüber nach, ob es vielleicht besser wäre, im nächsten Jahr wieder das Haus zu verlassen." Er hat's getan. Auf unserer Expedition ins Brasch-Berlin fanden wir nicht nur die Pizzeria San Marco II (Schönhauser Allee) und den Kuglerpark (Ecke Kugler- und Scherenbergstraße. Wir entdeckten auch - Giorgina, aufgepasst! - am rechten Ende der Kuglerstraße einen Laden mit fünfzig Bieren aus aller Welt und am linken das Greifenhagener Eck. In dieser proletarischen Stampe heißen die Schnäpse Romanza und Rote Grütze, das Nullvierer Pils kostet zwoneunzig, und um die Mittagsstunde sitzen Bodo, Popeye und die Gerda beieinander und reden über die Sonnenfinsternis. Bissken kühler is ja nu jeworden seit Mittwoch, sagt Bodo, und die Gerda erzählt, dass der Lange wieder im Krankenhaus liegt, wejen der Pumpe, dem jeht's jarnich jut, und Grönemeyer singt: Gib mir mein Herz zurück, und Popeye küsst der Kellnerin die Hand und sagt: Mädel, du brauchst mal 'n richtjen Freund.

Wissen Sie, dass das Greifenhagener Eck in die Literatur eingegangen ist?

Ein bisschen was?

Na, eben so 'n bisschen ürjendwie.

Nachbemerkung: Zu den Lebenserinnerungen der Witwe Schickedanz gehört die Behauptung, ein einziges Mal habe die DDR im Fußball gegen Italien ein Unentschieden erzielen können (Torschütze Nöldner). Hiermit verunglimpft Brasch die Erfolge der sozialistischen Sportbewegung. Es gab zwei Unentschieden (das 0 : 0 vom 19. April 1981 in Udine sowie das Berliner 2 : 2 vom 29. März 1969 mit den Torschützen Vogel und Kreische) sowie einen 1 : 0-Sieg (Leipzig, 14. April 1982, Torschütze Hause).

· Peter Brasch:Schön hausen Eulenspiegel Verlag, Berlin 1999; 159 S., 29,80 DM