Man kann auf alles Mögliche stolz sein, wenn man unbedingt will. Die Strauße werden wohl stolz darauf sein, dass sie nicht fliegen können - ein Unvermögen, das die meisten anderen Vögel in Verlegenheit bringen würde, aber sehen Sie sich an, wie schnell ein Strauß laufen kann!

Die Ungarn sind stolz auf ihre Sprache, gerade weil sie so verschieden von allen anderen europäischen Sprachen ist: Den Unterschied zwischen dem Maskulinum und dem Femininum kann sie nicht ausdrücken, sie enthält kein Wort für "haben", aber sie kann (durch eine besondere Konjugation des Verbs) anzeigen, ob das zum Verb gehörige Objekt bestimmt oder unbestimmt ist. So heißt látok: "ich sehe" (überhaupt oder etwas Unbestimmtes), während latom bedeutet: "ich sehe es" (dieses bestimmte Ding). Wirklich ein komischer Vogel!

Die ungarische Sprache ist extrem, so wie (angeblich) das ungarische Temperament. Attraktiv, aber unzuverlässig. Sie begleitet Sie wie ein treuer Freund, aber kaum drehen Sie den Rücken, schon ist sie weg und lässt Sie allein um Worte ringen. Besonders dann, wenn Sie aus dem Ungarischen oder ins Ungarische übersetzen. Nichts ist gleich. "Musik" heißt zene oder muzsika, und die beiden Wörter haben verschiedene Konnotationen. "Ich habe Fieber" heißt lázam van, wörtlich: "Fieber mein ist". Den Wortwechsel: "Ist der Arzt weggegangen?" - "Ja." würde man übersetzen: "Elment az orvos?"- "El." Wörtlich: "Weg ging der Arzt?" - "Weg."

Heute würde niemand ernstlich Sprache und Nationalcharakter in Verbindung bringen, aber zur Zeit der Romantik und im gesamten 19. Jahrhundert sah man die beiden weitgehend im Zusammenhang. Die Ungarn merkten, dass sie "allein" standen: Als alle anderen Nationen ihre linguistischen Familienbande festigten und Teil der slawischen, germanischen, keltischen oder sonst einer Sprachfamilie wurden, fanden die Ungarn keine Verwandtschaft. Seit 1800 etwa vermuteten Sprachforscher, dass das Finnische, das Lappländische und einige wenig bekannte Sprachen in Sibirien dem Ungarischen verwandt sein könnten. Eine zweifelhafte, entfernte Verwandtschaft, nicht wie die Nähe des Deutschen zum Dänischen oder des Französischen zum Italienischen, die leicht zu sehen ist, oder wie die Verwandtschaft des Deutschen mit dem Sanskrit, die nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, aber umso vornehmer und darum eindrucksvoller scheint.

Die "finnische Idee" wurde mit Unglauben und Enttäuschung aufgenommen: Man hatte etwas Glanzvolleres erwartet. Die nächsten 100 Jahre lang bemühten sich Amateurlinguisten - (und nicht nur Amateure) um den Nachweis, dass das Ungarische mit dem Türkischen, Japanischen, Hebräischen, Sumerischen und wer weiß welchen Sprachen verwandt sei.

Nicht alle Ungarn sind glücklich mit der Landessprache: Manche lernen sie nie, weil sie zu früh aus dem Land gehen oder zu spät hineinkommen. Franz Liszt war stolz darauf, Ungar zu sein, sprach aber nicht ungarisch, weil er aus einer deutschsprachigen Familie kam und meist außerhalb Ungarns lebte. Mein Großvater, Eduard Ritter von Hübner, 1883 in Prag geboren und seit 1920 in Ungarn, kam mit sehr wenig ungarisch gut zurecht, bis weit in die sechziger Jahre, als die letzte Generation der Deutschsprachigen im Land allmählich ausstarb. Ich erinnere mich noch an die Volkszählung von 1960. Da Opa nicht alle Fragen verstand, übersetzte ich und füllte den Fragebogen für ihn aus: Geburtsort, Beruf ... Dann kam die Sparte anyanyelve. "Muttersprache?", sagte ich. - "Ungarisch", antwortete er, auf Deutsch natürlich. - "Aber Opa, du kannst ja gar nicht Ungarisch", protestierte ich und wollte schon német (= Deutsch) in die Spalte einsetzen. Ich war 13. "Dummes Kind", schrie er, "was weißt du vom Leben? Schreib magyar und halt's Maul."

Jahrhundertelang wurden die Ungarn für Türken gehalten

896 ließen sich die Ungarn in ihrer jetzigen Heimat, dem Karpatenbecken nieder (später organisierten sie sich zum Königreich Ungarn, das bis 1920 bestand), aber sie waren nie so zahlreich, dass sie das gesamte Gebiet ausgefüllt hätten; dort lebten außer ihnen Slawen in großer Zahl, später auch Rumänen und Deutsche. Die Ungarn waren zwar die größte Einzelgruppe im Karpatenbecken, aber insgesamt lebten im historischen Ungarn immer mehr Nichtungarn als Ungarn. Viele Wörter wurden aus dem Slawischen (asztal - Tisch, szabad - frei), dem Lateinischen (templom - Kirche, pásztor - Schafhirte, sors - Schicksal) und sogar aus dem Italienischen übernommen (piac - Markt von piazza, pojáca - Clown, Bajazzo von pagliaccio).

Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch

Natürlich empfand man das Deutsche als die größte Bedrohung für die ungarische Sprache: In den Städten sprach man meist Deutsch; Bücher und Druckschriften erschienen meist in deutscher Sprache, man schrieb häufig Briefe auf Deutsch und spielte deutsche Stücke; die Habsburger Verwaltung verstärkte diese Tendenz noch. Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch, und wer Ungarisch schrieb, war ständig hin und her gerissen zwischen der Versuchung, "Germanismen" einzuführen, und dem Drang, sie zu vermeiden. Die Folge: Das Ungarische hat eine paradoxe Ähnlichkeit mit dem Deutschen. Dabei denke ich nicht nur an die vielen deutschen Lehnwörter im Ungarischen. Viel wichtiger noch ist die hohe Gemeinsamkeit in Redewendungen: Durch sie gleicht das Ungarische dem Deutschen wie ein Delfin einem Fisch, auch wenn Ursprung und innere Struktur bei beiden ganz verschieden sind. Auf Ungarisch wie auf Deutsch kann man sagen: Jemand schneidet auf (felvág), oder: Er ist eingebildet (beképzelt). Die Wörter, die Endungen, die Laute sind verschieden, aber der Diskurs ist parallel. In Berlin las ich einmal in einem Zeitungskommentar zu einem politischen Ereignis den Spruch: "Wie sich der kleine Moritz das vorstellt", und ich musste lachen: Auf Ungarisch sagen wir genau das Gleiche (ahogy azt a Móricka elképzeli).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neue Landesgrenzen gezogen und das heutige Ungarn geschaffen, ein Staat, in dem Ungarisch zum ersten Mal die Sprache der absoluten Mehrheit war (jetzt sprechen 99 Prozent der Einwohner des Landes Ungarisch). Andererseits befinden sich die Ungarn jenseits der Landesgrenzen sehr deutlich in der Situation einer Minderheit. Ungefähr 13 Millionen Menschen haben Ungarisch als Muttersprache, 75 Prozent davon leben in Ungarn und 25 Prozent in den Nachbarländern. Das dürfte erklären, warum die Sprache ein so bedeutendes, beinahe geheiligtes Symbol kultureller und nationaler Identität ist. Ein Beispiel: "Ungarische Literatur" ist ein Ausdruck, der zwischen zwei Bedeutungen schwebt: "Literatur in ungarischer Sprache" und "Literatur in Ungarn". Übrigens hat die Sprache selbst immer nur sehr wenige Dialektvarianten gehabt. Ungarischsprachige Autoren und ihre Werke, ob sie nun aus Bratislava, Budapest oder Brasov stammen, zeigen kaum Unterschiede.

Das tief sitzende Gefühl, einer Minderheit anzugehören, zeigt auch im heutigen Ungarn noch interessante Wirkungen, obwohl es seine Berechtigung verloren hat: Noch in den sechziger Jahren fühlten Schauspieler sich verpflichtet, ihre Namen zu "ungarisieren", wenn sie nicht ungarisch klangen. Das hat sich inzwischen geändert, und jetzt tragen Schauspieler die Namen Hirtling, Kolovratnik oder Papadimitriu mit Stolz. Doch das Gefühl, die Sprache müsse geschützt werden wie eine vom Aussterben bedrohte Pflanze, ist geblieben. Puristen - manche allzu radikal, andere taktvoller und vorsichtiger - murren weiter gegen die Überfremdung der Sprache, nur dass jetzt nicht mehr das Deutsche, sondern das Englische den größten Einfluss ausübt. Nicht allein technische Fachausdrücke wie szkenner (Scanner) oder lízing (Leasing) dringen ein, sondern auch viele Lebensstil und Lebensgefühl von heute charakterisierende Wörter werden übernommen: mainstream, fíling (Feeling), retró (Nostalgie) oder badis (einer, der mit Bodybuilding beschäftigt ist). Vor ein paar Jahren erhoben sich sogar einige Stimmen zugunsten eines Gesetzes, das den öffentlichen Gebrauch derartiger Fremdwörter verbieten sollte, aber Gott sei Dank erkannten die Entscheidungsträger, dass ein solches Gesetz keine erfreulichen Ergebnisse haben würde.

Ungarisch ist nicht nur wegen seines Wortschatzes andersartig. Der Struktur nach ist es eine agglutinierende Sprache - so der Fachausdruck. Das heißt, die Wörter sind eine, manchmal erstaunlich lange, Kette aus Elementen, die in einer klaren, festgelegten Ordnung aneinander geklebt werden. Das Ungarische hat keine Präpositionen und nur sehr wenige Hilfsverben. Zum Beispiel heißt hajthatatlanságunktól "von unserer Unbeugsamkeit" und setzt sich zusammen aus hajt-hat-atlan-ság-unk-tól, wobei die einzelnen Elemente oder Morpheme der Reihe nach das Verb, die Möglichkeit, die Negation, den Substantivstatus, das Possessivmorphem und das Ablativmorphem bezeichnen: (beug-sam-un-keit-unser-von). Und das Ganze geschieht sehr regelmäßig, ja mechanisch. Jedes Substantiv im Plural muss mit k enden, das gilt ohne Ausnahme, auch für neue oder fremdsprachige Wörter, sodass les Tuileries zu a Tuileriák werden. Auch die Pluralformen von Verben und Adjektive enden auf k. So weit scheint das ganz einfach zu sein; jedoch ändern sich die Vokale der Endungen je nach den Vokalen im Wortstamm, sie gleichen sich an (Vokalharmonie). Wenn im oben genannten langen Beispiel der Stamm sért (verletzen) ist, lautet das Wort sérthetetlenségünktól (von unserer Unverletzbarkeit); alle Vokale ändern sich, um mit dem Stammvokal zu harmonieren (das Phänomen der Vokalharmonie findet sich auch im Türkischen).

Wie schon gesagt, gibt es kein grammatisches Geschlecht, also keinen Unterschied zwischen "er" und "sie", "seinen" Augen und "ihren" Augen. Das gibt Autoren (besonders Lyrikern) die Möglichkeit, sich abstrakter oder unbestimmter auszudrücken; in der Übersetzung wird dies dann häufig zum Problem, weil in anderen Sprachen das Geschlecht festgelegt werden muss und die Übersetzer die Entscheidung und die Verantwortung dafür übernehmen müssen, wie und wann sie das tun. Das Ungarische hat nur eine Vergangenheitsform, macht also keinen Unterschied zwischen "lernte", "hat gelernt", "hatte gelernt". Andererseits bezeichnet ein einziges Wort, ob Besitz und Eigentümer im Singular oder Plural stehen, also: háza - sein/ihr (Singular) Haus, házuk - ihr (Plural) Haus, házai - seine/ihre (Singular) Häuser, házaik - ihre (Plural) Häuser.

Die ungarische Lyrik kann sehr alte Versmaße benutzen, sogar solche aus der klassischen Antike, weil alle Vokale in langer oder kurzer Form vorkommen: Lange Vokale werden durch einen Akut gekennzeichnet (wie im Tschechischen), also á, í und sogar ý, uý (der berühmte Doppelakzent oder "ungarische Umlaut", der Schrecken aller Computerschriften). So heißt tör "brechen", aber toýr "Dolch". Diese Auswahl zwischen langen und kurzen Vokalen macht es möglich, vollkommene ungarische Hexameter zu dichten, und Lyriker im 20. Jahrhundert haben die Möglichkeit genutzt und gute zeitgenössische Gedichte verfasst. Auch das Reimen ist überraschend beliebt, und nicht nur in humorvoller oder satirischer Absicht, sondern auch in ernst gemeinten Gedichten. Die Tatsache, dass Lyrik in besonderem Maß abhängig von Idiosynkrasien der Sprache ist (und von ihnen lebt), mag erklären, warum lyrische Dichtung noch immer als die größte Stärke der ungarischen Literatur gilt: Offenbar inspiriert eine solche Sprache die Dichter so, wie ein ungewöhnlicher Marmorblock den Bildhauer anregt. Dieselbe Eigenart erklärt aber vielleicht auch, warum ungarische Lyrik so schwer zu übersetzen ist und warum die Anerkennung der ungarischen Prosa (die, wie man zugeben muss, auch ihre Meisterwerke hat) unter den Lesern, die auf Übersetzungen angewiesen sind, so viel weiter verbreitet ist.

Warum die Ungarn nicht wie die Iren sind

Das Ungarische war gegenüber dem Deutschen in einer vergleichbaren Lage wie das Irische im Verhältnis zum Englischen; aber das Entgegengesetzte geschah. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entschieden sich zahlreiche Einwohner Ungarns, deren Muttersprache nicht Ungarisch war, zum Ungarischen überzugehen, und tatsächlich sprach man in großen Teilen des Landes (mit Sicherheit in den Gebieten, die das heutige Ungarn ausmachen) und vor allem in den Städten nach zwei oder drei Generationen nur noch Ungarisch.

Ungarisch ist eine voll entwickelte europäische Sprache für alle Lebensbereiche geworden, für Wissenschaft, Recht, Handel, Freizeit, Verbrechen und Literatur. Sie ist offen für fremde Einflüsse (vielleicht allzu offen, zugegeben), zeigt aber keine Anzeichen von Verfall oder Destabilisierung. Aber sobald Ungarn die Grenzen überqueren und nach Wien, Paris, London oder nur in die Teile der Nachbarländer reisen, in denen man nicht Ungarisch spricht, dann sind sie verloren, es sei denn, sie hätten lange Jahre harter Arbeit auf das Erlernen einer Fremdsprache verwendet, die per definitionem sehr verschieden von ihrer Muttersprache sein muss. Verglichen mit Holland, Portugal, Griechenland oder Finnland, schneidet Ungarn in Bezug auf Fremdsprachenkenntnis miserabel ab. Die Iren haben sich von ihrem goldenen Käfig befreit, die Ungarn besitzen ihn noch.

Ádám Nádasdy ist Professor für Anglistik an der Universität Budapest. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht