Der Unterschied zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen in der Schweiz und in Mosambik beträgt heute etwa 400:1; vor 200 Jahren war das Verhältnis vielleicht 5:1. Die Entstehung und regionale Verteilung von Wohlstand und Armut auf der Erde zu erklären ist der Anspruch von David Landes' großem Werk, und dabei entstanden ist nicht nur eine länder- beziehungsweise zivilisationsvergleichend angelegte Weltgeschichte von Produktion, Distribution und Konsumtion, sondern zugleich eine theoretisch wie empirisch wohl abgestützte Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung des 21. Jahrhunderts: Der Wohlstand des Westens kann gewahrt werden, wenn man im Auge behält, dass er auf Arbeit und nicht auf bloßem Reichtum begründet wurde und wenn man dementsprechend handelt. Landes' Resümee am Schluss des Buches lautet daher: "Zu viele von uns arbeiten, um zu leben, und leben, um glücklich zu sein. Daran ist nichts auszusetzen. Nur fördert es nicht unbedingt eine hohe Produktivität. Wenn man allerdings eine hohe Produktivität will, dann sollte man leben, um zu arbeiten, und das Glück als einen Nebeneffekt nehmen."

Das liest sich wie eine der üblichen Ermahnungen, aber was Landes damit Nordamerikanern wie Europäern ins Stammbuch schreibt, ist eine durch die vorangegangenen Untersuchungen gut abgesicherte Erkenntnis: Spanien und Portugal, aber auch Italien, die aufgrund ihrer Entdeckungen und zeitweiligen Handelsmonopole sowie der wirtschaftstechnischen Innovationen vor allem im Bankwesen im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit wohlhabender waren als das restliche Europa, haben beides verloren, weil sie sich zu sehr auf ihren Geldreichtum und zu wenig auf eigene Arbeit und Produktion verlassen haben. Landes spitzt dies zu der paradoxen Formel zu, Spanien sei arm geworden (oder geblieben), weil es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu viel Geld gehabt habe. Das Danaergeschenk des leicht erworbenen Geldes, in Landes' Sicht einer der Schlüssel zur Erklärung wirtschaftlichen Schlendrians und der Neigung zur Verschwendung, bedroht gegenwärtig auch die westliche Welt; vor allem aber hat es sich als das Verhängnis der Erdölstaaten erwiesen, deren soziale Strukturen es zerstört hat, ohne eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung in Gang zu setzen.

Landes will damit aber mehr erklären als nur Russlands jüngsten Rückfall auf den Status eines Rohstoff exportierenden Entwicklungslandes, sondern glaubt damit zugleich eine Erklärung für die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung Nord- und Südamerikas im 19. und 20. Jahrhundert, für die unterbliebene Ausnutzung technischer Entdeckungen in China und schließlich für die notorisch schlechten Entwicklungsperspektiven der islamischen Länder gefunden zu haben. In Nordamerika sorgte die open frontier im Westen dafür, dass die sich entwickelnde Industrie auf einen knappen Arbeitsmarkt traf und Arbeitskraft dementsprechend teuer war, sodass starke Anreize für die Ersetzung menschlicher Arbeit durch Maschinen und schließlich für die Standardisierung der Produktion gegeben waren.

In China waren die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung im Unterschied zu Europa schon früh auf eine große Bevölkerungsdichte und ein dementsprechendes Angebot an Arbeitskraft gegründet, und in den islamischen Ländern steht aufgrund der notorischen Verachtung und Unterdrückung der Frauen eine Reservearmee weiblicher Arbeitskräfte zur Verfügung, die auszubeuten kurzfristig lohnender ist als riskante Investitionen. Die Bevölkerungsentwicklung in vielen islamischen Ländern tut ein Übriges, um die Kosten der Arbeitskraft niedrig zu halten. Verachtung und Ablehnung westlicher Wissenschaft und Technik kommen in den meisten Fällen hinzu. Hier werden die ökonomisch dynamischsten Zentren des 21. Jahrhunderts mit Sicherheit nicht zu finden sein, wahrscheinlich aber in China, und das nicht zuletzt aufgrund der systematischen Kontrolle demografischer Entwicklungen.

Wenn schnell und leicht erworbener Reichtum wie die beliebige Verfügbarkeit billiger Arbeitskraft denselben Effekt haben, nämlich nachhaltige ökonomische Entwicklung zu blockieren, so kann auch dem Mittel, mit dem man sich bevorzugt in die Verfügung über beides bringt - der Gewalt - keine entscheidende Bedeutung für den ökonomischen Fortschritt zukommen. Dementsprechend deutlich bezieht Landes auch Position gegen jene Theoretiker und Historiker, die den ökonomischen Erfolg Europas seit Beginn der Neuzeit und die wirtschaftliche Überrundung der zuvor führenden Zivilisationen wesentlich auf Gewalt zurückführen. Sicherlich sind Portugiesen und Spanier, dann auch Holländer und Engländer bei ihren Entdeckungen und Eroberungen vor Gewalt nie zurückgeschreckt, und oft genug haben sie von ihr hemmungslosen Gebrauch gemacht, aber für ihren Erfolg entscheidend war nicht ihre im Vergleich zu anderen Zivilisationen höhere Gewaltbereitschaft, sondern ihre technische Überlegenheit. Die aber fußte auf wirtschaftlich-technischen Entwicklungen, vermittelst derer die Europäer in den vorangegangenen Jahrhunderten die ursprüngliche Überlegenheit anderer Zivilisationen kompensiert hatten.

Landes' Buch ist - woraus der Verfasser keinen Hehl macht - in vieler Hinsicht ein Verstoß gegen die Political Correctness, wie sie inzwischen auch in der Sozial- und Geschichtswissenschaft Einzug gehalten hat. So sieht er wenig Grund dafür, dass die Europäer mit Blick auf ihre seit dem 16. Jahrhundert wirtschaftlich und politisch dominierende Stellung in der Welt ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil sie dabei andere unterdrückt und ausgeplündert hätten, da Gewalt eher eine Begleiterscheinung als ein Antriebsmoment dieser Entwicklung gewesen sei. Stattdessen stelle die ökonomische Entwicklung Europas heute wie vordem das Modell erfolgreicher ökonomischer Veränderungen dar, und wer in Zukunft wohlhabend sein wolle, müsse hieraus Lehren ziehen. Dabei verliert Landes über sozialistische Entwicklungstheorien kein Wort; sie haben sich für ihn von selbst erledigt, und es war das Verhängnis vieler Entwicklungsländer, dass sie sich auf eine Kombination von sozialistischer Ideologie und Familien- oder Militärdiktaturen einließen, die dazu geführt hat, dass sie heute relativ ärmer sind als zum Zeitpunkt ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit. Vor allem für Afrika gilt dies, während sich in Lateinamerika eher Diktaturen mit westlichen Anlehnungsmächten gehalten haben. Über die hieraus resultierenden Kosten und Entwicklungsdefizite erfährt man bei Landes leider wenig.

Ökonomische Entwicklung und politische Freiheit

Aber Landes sucht durch den Rückgriff auf Geografie und Klima noch mehr zu erklären, unter anderem auch die spezifische Verbindung von ökonomischer Entwicklung und politischer Freiheit, wie sie zunächst für Europa und später auch für Nordamerika charakteristisch ist. Während nämlich in den fruchtbaren Flusstälern der Herr über das Wasser auch der Herr über die Nahrung und damit über die Menschen war, hat die gleichmäßige Wasserversorgung durch Regen die ökonomische und politische Selbstständigkeit kleiner, selbst organisierter Verbände ermöglicht. In ihnen entwickelten sich nicht nur auf Eigentum begründete Produktionsverhältnisse, sondern hier war es auch unmöglich, alle erwirtschafteten Erträge durch Steuern abzuschöpfen, was einen erheblichen Anreiz für ökonomische Initiativen darstellte. In Landes' Sicht ist dies auch die beste Erklärung für die unterschiedlichen Entwicklungen, die China und Europa durchlaufen haben: Ordnung, Kontrolle und Disziplin im Reich der Mitte, Anarchie, Konkurrenz und Eigeninitiative dagegen in Europa.

Es ist freilich auch der unterschiedliche Umgang mit Fremden, der in Landes' Darstellung den chinesischen vom europäischen Entwicklungsweg unterscheidet: Während China sich als die Mitte der Welt begriff und auf den Rest als Barbaren hinabsah, hatte man in Europa stets eine Ahnung von dem, was Remi Brague kürzlich die Exzentrizität Europas genannt hat, und die hatte, alle Widerstände und Gegenbewegungen in Rechnung gestellt, eine erhebliche Aufnahme- und Lernbereitschaft zur Folge. Wenn gerade die Portugiesen und Spanier im 15. und 16. Jahrhundert als die großen Entdecker hervortraten, so auch darum, weil die Iberische Halbinsel über die Jahrhunderte eine Brücke zwischen den Zivilisationen bildete, wobei durch die Vermittlung der Juden das fortgeschrittene Wissen des Islams für eigene Projekte fruchtbar gemacht werden konnte. Die Vertreibung und Verfolgung von Mohammedanern wie Juden seit dem Ende des 15. Jahrhunderts war der Anfang vom späteren Scheitern der spanischen Hegemonie in Europa.

Und doch hat alles in allem die politische Zersplitterung Europas die Anwesenheit von Fremden begünstigt, wobei diese in der neuen Umgebung eingeschliffene Konventionen durchbrechen und Innovationen in Gang setzen konnten. Die wirtschaftlich dynamische Rolle von Chinesen außerhalb Chinas ist hierfür ein weiteres Beispiel. Fremdenfeindlichkeit ist also nicht nur eine Folge sozioökonomischer Rückständigkeit, sondern immer wieder auch deren Ursache, was Landes an einer Fülle von Beispielen aus unterschiedlichen Ländern und zu verschiedenen Zeiten zu zeigen vermag.

Selten ist die Lektüre einer wirtschaftshistorischen Darstellung so kurzweilig und anregend, aber doch auch so herausfordernd und gewohnte Sichtweise infrage stellend wie in diesem Fall. Landes' Buch ist ein Glückstreffer der Wirtschaftsgeschichtsschreibung, die gerade in Deutschland während der vergangenen Jahrzehnte recht dröge geworden ist.

· David Landes: Wohlstand und Armut der Nationen Warum die einen reich und die anderen arm sind; aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz, Monika Noll und Rolf Schubert; Siedler Verlag, Berlin 1999; 684 S., 68,- DM