Als die Sowjetunion auseinander fiel und der Nationalismus in Armenien, Aserbajdschan oder Tschetschenien wie ein Unheil aus der Büchse der Pandora kroch, sehnte sich so mancher nach der untergegangenen Zeit, als alle Sowjetbürger scheinbar gleich und nicht verfeindet waren. Als Titos Jugoslawien sich auflöste und die Serben ihre kroatischen, muslimischen und albanischen Nachbarn vertrieben, erschossen oder vergewaltigten und sich Kroaten, Bosnier und Albaner anschließend an ihren serbischen Nachbarn mit ähnlichen Methoden rächten, erschraken die meisten noch mehr über die Sprengkraft nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte - zumindest in Europa hatten sie sie für entschärft, wenn nicht überwunden gehalten.

Der Kommunismus aber, behauptet der amerikanische Psychoanalytiker Vamik Volkan in seinem Buch über Das Versagen der Diplomatie , habe den Völkern nur einen Scheinfrieden gebracht. Unter der Oberfläche hätten die ethnischen und religiösen Spannungen genauso weiter geschwelt wie in Afrika während der Kolonialzeit. Als die erdrückenden Ordnungsgewalten wegfielen, stiegen hier wie dort die alten Geister wieder auf.

Auch die Realpolitik, meint Volkan, unterliege Emotionen und irrationalen Motiven, die in Krisensituationen Regressionen ganzer Großgruppen bewirken könnten. Um Kriege wie zwischen Ägypten und Israel, den türkischen und griechischen Zyprioten, Irak und Kuwait oder gewaltsame Vertreibungen wie in Bosnien und im Kosovo unter Umständen zu verhindern oder anschließend die Situation zu humanisieren, schlägt Volkan deswegen neben der Diplomatie die Einrichtung einer inoffiziellen Ebene vor, auf der auch psychoanalytische Kenntnisse und Methoden zur Konfliktbewältigung genutzt werden.

Im Unterschied zu diplomatischen Gesprächen sind "psychopolitische Dialoge" nämlich weder an Sachfragen noch an starre Rahmen gebunden. Unter Leitung neutraler Psychologen vermögen Vertreter verfeindeter Parteien hier zu tiefer liegenden - bewussten wie unbewussten - Schichten ihrer Gruppenidentitäten vorzudringen, aus denen sich die Verhärtungen und Polarisierungen auf der realpolitischen Ebene erklären und speisen. Ebendiese "verborgenen Skripte" seien es, so Vamik Volkan, die in Krisenzeiten kollektive Regressionen befördern und Gewalt erzeugen können.

Serben beispielsweise sehen ihr Volk als "ewiges Opferlamm", seitdem es vom Osmanischen Reich in der Schlacht von Kosovo Polje (dem Amselfeld) im Jahre 1389 zurückgedrängt wurde. Seitdem begründen sie mit dem "heiligen Schmerz" aus dem "gewählten Trauma" ihr Recht auf Rache: Den bosnischen Muslimen soll dasselbe angetan werden, was ihnen angeblich von den osmanischen Türken widerfuhr, damit "der Islam nie wieder die Serben unterjocht".

Wie stark kollektive (eher negative als positive) Geschichtsbilder, Projektionen, Symbole, Vorurteile oder Denkstrukturen von Führern die nationalen, ethnischen und religiösen Identitäten prägen, kann Volkan, der als Kind türkischer Eltern auf Zypern geboren wurde, nicht zuletzt aufgrund eigener 20-jähriger Erfahrung in der Konfliktberatung auf eine ebenso faszinierende wie beängstigende Weise darlegen. "Da sich die menschliche Psychologie nicht verändert hat", so seine ernüchternde Konklusion, "gibt es auch weiterhin Massengewalt, auch wenn sie derzeit mehr innerhalb von Staaten als zwischen Staaten ausgeübt wird."

· Vamik D. Volkan: Das Versagen der Diplomatie Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte; Psychosozial-Verlag, Gießen 1999; 279 S., 48,- DM