Am Mittwoch, dem 20. Mai 1795, in den frühen Morgenstunden rumpeln fünf hölzerne Karren, gezogen von jeweils vier Pferden, zur Generalswiese unterhalb der königlichen Burg in Buda. Sie bringen die vier Anführer (die so genannten "Direktoren") und den Gründer der Jakobinerbewegung und Hauptangeklagten, Titularabt Ignác Martinovics, zum Schafott. Die Karren werden so aufgestellt, dass die zum Tode Verurteilten die Enthauptung ihrer Kameraden nicht sehen können. Einzig Martinovics muss bei der Hinrichtung seiner Mitverschwörer, deren Beginn auf halb sieben Uhr anberaumt ist, zuschauen.

Als Erster beugt sich Graf Jakob Sigray über den Block. Doch der Henker braucht drei Versuche, um den Kopf des jungen Mannes vom Rumpf zu trennen. Dann folgen Ferenc Szentmarjay, von Adel auch er, János Laczkovics, ein ehemaliger Husarenhauptmann, und schließlich der frühere Vizegespan, der Jurist Josef Hajnóczy, der bereits seit Jahren kritische Schriften über die Unhaltbarkeit der ungarischen Zustände verfasst hatte. Der 40-jährige Martinovics bekommt einen epileptischen Anfall, als man ihn auf das Schafott zerrt. Das abstoßende Schauspiel erreicht seinen bizarren Höhepunkt, als die Scharfrichter Martinovics' Schriften feierlich verbrennen. Dem grausigen Spektakel wohnen mehrere hundert Schaulustige bei. Die Leichen hat man an geheimem Ort verscharrt.

In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts beherrschte Europas Monarchien die Angst vor der Revolution. Die Truppen des neuen Frankreich waren - in zwei Anläufen - weit auf das Reichsgebiet vorgerückt, die linksrheinischen Gebiete wurden mehr und mehr "revolutioniert". Doch auch innerhalb der Staaten des Ancien Régime machte sich der neue Geist bemerkbar; überall von Schlesien bis Sizilien rührten sich Bürger und Bauern. Mancher Fürst, der sich aufgeklärt gegeben hatte, kehrte nun wieder zur autoritären Politik zurück. Es galt, jede revolutionäre Bewegung im Keim zu ersticken.

So kannte auch das Haus Habsburg keine Gnade, als in Ungarn jakobinische Umtriebe ruchbar wurden. Im Sommer 1794 hatte man die Verschwörer, insgesamt 53 Adlige und Bürger, Schriftsteller und Professoren, Beamte und Juristen, verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Nur einer war über 50, 15 waren nicht einmal 25 Jahre alt. Zwei begingen Selbstmord. Von 18 Todesurteilen wurden elf in lange Kerkerstrafen umgewandelt. In Ketten geschlagen, verschwanden die Verurteilten in den berüchtigten Festungskerkern von Kufstein, Brünn und Munkács. Ferenc Kazinczy (1759 bis 1831), der größte Erneuerer der ungarischen Sprache, der besser Deutsch schrieb als Ungarisch, der große Übersetzer und Bewunderer der deutschen Literatur, musste 2387 Tage hinter Gittern verbringen; der Dichter Ferenc Verseghy sogar zehn Jahre, weil er es gewagt hatte, die Marseillaise ins Ungarische zu übersetzen.

Im Mittelpunkt der Bewegung stand jedoch von Anfang bis Ende die diabolische, in mancher Hinsicht aber nahezu geniale Figur des Ignác Martinovics. 1755 wurde er als Sohn einer kleinbürgerlichen Deutschen in Buda geboren - ob sein Vater ein albanischer Adliger war oder ein serbischer Schankwirt, bleibt unklar. Mit 16 kam er zu den Franziskanern. Martinovics legte die Gelübde als Mönch ab und absolvierte seine theologischen und naturwissenschaftlichen Studien mit glänzenden Resultaten. Doch bereits 1774 ersuchte der durch die Enge des Ordenslebens frustrierte junge Mann um die Erlaubnis, das Kloster wieder verlassen zu dürfen. Auf Bitten des Priors zog er zwar sein Gesuch zurück, aber es folgten bald weitere Konflikte mit den Ordensbrüdern. Schließlich verschafften ihm seine Offiziersverwandten den Posten eines Feldgeistlichen bei einem Regiment in Czernowitz.

Dort traf er auf Graf Ignác Potocki, der später, 1794, im polnischen Freiheitskampf Minister werden sollte. Der polnische Adlige war von dem sprachkundigen, hochgebildeten und geistreichen Priester so beeindruckt, dass er Martinovics einlud, ihn auf einer Studienreise durch Frankreich, England, die Schweiz und Deutschland zu begleiten. Als überzeugter Anhänger der Aufklärung knüpfte Potocki überall Kontakte mit Gleichgesinnten. Als die beiden nach fast einem Jahr, Ende 1782, zurückkehrten, blieb Martinovics in Lemberg, pflegte enge Kontakte mit den Freimaurern und wurde 1783 von Joseph II. zum ordentlichen Professor der Naturwissenschaften an der Lemberger Universität und ein Jahr später bereits zum Dekan ernannt. Nun brach Martinovics offen mit dem Franziskanerorden und wurde zum weltlichen Geistlichen. Seine wissenschaftlichen Erfindungen und im Geist der Aufklärung verfassten philosophischen Bücher und Studien machten seinen Namen auch im Ausland bekannt. Gegen Ende der achtziger Jahre gab er sich schon als Anhänger einer materialistischen Philosophie und demokratischer Reformer zu erkennen, als überzeugter Feind des Klerus und der Aristokratie. Zugleich erwartete er aber immer noch Reformen von oben, vom aufgeklärten Herrscher.

Unglücklicherweise ließ sich Martinovics in Lemberg jedoch in allerlei Konflikte verstricken. Vergeblich versuchte er, die Stadt zu verlassen und einen Lehrstuhl in Wien oder in Buda zu bekommen. Alle seine Bemühungen scheiterten, zum Teil wegen seiner eigenen grenzenlosen Geltungssucht, zum Teil an den Intrigen der inzwischen wieder stärker gewordenen Jesuiten. Zumindest dürften hier die wahrscheinlichsten Gründe dafür liegen, dass dieser hoch begabte Wissenschaftler mit internationalem Ruf völlig kaltgestellt wurde.