Als die Berliner Legende Marlene Dietrich einst von Peter Bogdanovich gefragt wurde, ob sie stolz sei oder ob es ihr peinlich sei, eine Deutsche zu sein, antwortete sie: I don't care being German, but I'm proud having that Berlinsense of humor which is unique in the world.

Humor und Chuzpe gingen Hand in Hand im damaligen Berlin: Die Stadt war ein kulturelles Biotop, weil sie vor allem ein deutsch-jüdisches Biotop war.

Marlene Dietrich verabschiedete sich aus diesem Berlin mit der Strophe eines Liedes aus dem berühmt gewordenen Blauen Engel: Und will mich wer begleiten, dort unten in dem Saal, dem hau' ich in die Saiten und tret' ihm aufs Pedal.

Mit ihr ging vieles, gingen viele. Und als sie später zurückkam, war Berlin längst nicht mehr der Ort, der er einmal war. Misstrauen und Befangenheit begegneten ihr. Kein Deutscher konnte, kein Deutscher wollte mehr verstehen, woher die braunen Machthaber gekommen waren. Keiner war es gewesen, keiner konnte es mehr verstehen. Where have all the flowers gone? sang Marlene.

Fortan wurde die Vergangenheit zur Tabuzone, Betroffenheit breitete sich aus.

In dieser Atmosphäre konnten Ironie und Humor nicht mehr gedeihen. Manche mögen meinen: mit Recht.

Wo Humor fehlt, fehlt Barmherzigkeit.

Aber wo Humor fehlt, fehlt die Leichtigkeit und Barmherzigkeit. Darf ein nicht jüdischer Deutscher jüdische Witze erzählen? Wenn er darf, löst sich vielleicht der Krampf, der seine historischen Gründe hat. Ich verstehe jeden, der Deutschen misstraut, und danke jedem, der ihnen traut. An den Juden bewundere ich, dass sie sich in ihrem Humor so wunderbar selbst infrage stellen, dass sie über sich selbst lachen können, man muss sagen: Trotz allem und nach allem, was geschehen ist. Welche Stärke liegt in dieser Selbstironie, welche Größe im Gegensatz zu jenen Zeitgenossen, die in Bierseligkeit oft Witze auf Kosten derer machen, die sie für schwächer halten.

Sie werden sich fragen, warum ich so weit aushole. Aber es ist ganz einfach.

Humor ist Leben. Jüdischer Humor ist jüdisches Leben. Wir Deutschen aber assoziieren, wenn von Juden die Rede ist, nur Holocaust und Auschwitz, KZ und sterben - wir sind durch unsere Schuld blockiert, bleiben dabei stehen. Und haben nichts begriffen, wenn wir uns mit halbem Herzen in Betroffenheit flüchten. Setzen wir nicht gerade in dieser verkrampft-ängstlichen Engstirnigkeit ungewollt den Geist des Holocaust fort? Juden gleich Auschwitz? Und ist Engstirnigkeit nicht gerade jene Geisteshaltung, die den Holocaust mit ermöglicht hat?

Ich sage das alles, weil es sehr viel mit jenem Mann zu tun hat, der mit dem diesjährigen Preis der Raoul-Wallenberg-Loge ausgezeichnet wird: Ronald Lauder. Denn Ronald Lauder hat sich wie wohl kein anderer um die Renaissance jüdischen Lebens in Mittel- und Osteuropa, ja auch in Deutschland verdient gemacht.

Offen gestanden, habe ich erst etwas gezögert, die Laudatio zu halten, weil gerade in Deutschland nach dem Holocaust die Gefahr des Missverständnisses bei einem mit dem Judentum verbundenen Thema groß ist. Aber dann hat es mich gereizt, dem der Großvater einmal sagte: Von wem hast du bloß diese jüdische Hast? Ja, ich fühlte immer Unruhe angesichts deutscher Bewegungslosigkeit.

In meiner New Yorker Wahlheimat spüre ich den Mut zur Utopie. Und fast körperlich spüre ich dort, was wir hier verloren haben. Den metropolitischen Geist des Berlins der zwanziger Jahre, untrennbar verbunden mit dem jüdischen Geist. Intellektuelle Spiritualität, Kreativität, aber auch alles, was damit zusammenhängt: ein bisschen Leichtigkeit, Frivolität, Ironie. Es ist ein Aderlass, der bis heute nachwirkt.

Lassen Sie uns zurückgehen, ins Jahr 1986, als alles begann. Lauder, damals gerade US-Botschafter in Wien, reiste zum ersten Mal hinter den Eisernen Vorhang, auf den Spuren seiner Großeltern. Mit der Religion seiner Ahnen hatte Ronald Lauder, der jüngere Sohn von Estée Lauder, bis dahin im Grunde nicht viel im Sinn: Er war, wie er selbst einmal bekannte, ein assimilierter New Yorker, ein Drei-Tage-Jude, den es nur zu den höchsten Feiertagen in die Synagoge trieb.

Aber als er 1987 den Budapester Dohány-Tempel besuchte, in dem 5000 Menschen beten könnten, traf es Lauder wie ein Schlag. Statt des erwarteten Massenandrangs fand er dort lediglich kleine Grüppchen, es waren meist alte Leute: ein Tempel - aber fast ohne Gläubige. Es war ein Schlüsselerlebnis für Lauder. Nach New York zurückgekehrt, gründete er die Ronald Lauder Foundation. Eine Stiftung, die das Ziel hat, jüdische Gemeinden in Osteuropa zu unterstützen und zu revitalisieren.

Das war eine Mission, die selbst im jüdischen Establishment viele für aussichtslos, für sinnlos hielten - angesichts der deprimierenden Statistiken Osteuropas: Nehmen wir Polen, wo vor dem Krieg 3,5 Millionen Juden lebten.

Heute mögen es vielleicht 15 000 vielleicht 40 000 sein. Wer weiß es schon?

Lauder hat einmal auf den Punkt gebracht, worum es wirklich ging, worum es ihm bei seinem Engagement geht: It comes down to this: either you agree that every Jewish child deserves a Jewish education, or you do not. If you not agree, the Jews who remain in Central and Eastern Europe can be written off.

Adolf Hitler was successful in destroying a thousand years of Jewish life in that region. The book is closed.

Ich mag diese amerikanische Direktheit. Es wäre fatal, so seine tiefe Überzeugung, ich zitiere, wenn es paradoxerweise die Juden selbst wären, die Hitler nachträglich zum Sieg verhelfen, indem sie ihre Tradition aufgeben.

Zitat Ende. Das ist seine Botschaft. Und sie richtete sich auch an manche Zionisten, die den jüdischen Totenacker im Osten fatalistisch abgeschrieben hatten. Nach dem pragmatischen Motto: Okay, humanitäre Hilfe für die Alten, die Jungen holt nach Israel, ins Gelobte Land. But the book is closed.

Mehr als zehn Jahre danach muss man sagen, dass nicht zuletzt dank Lauder neue Kapitel im Buch des Judentums in Ost- und Zentraleuropa geschrieben werden. Durch die Initiative und die Gelder der Lauder-Stiftung sind inzwischen in dreizehn ost- und zentraleuropäischen Ländern zwischen Baltikum und Schwarzem Meer jüdische Schulen und Kindergärten entstanden. Es sind Sommercamps und Austauschprogramme für jüdische Studenten ins Leben gerufen worden. Lauders Ansatz ist einfach: Um jüdische Kultur wiederzubeleben, muss man bei den Kindern anfangen: Children are the message. Die Leiterin der jüdischen Lauder-Schule in Warschau, Helise Liebermann, hat einmal in einem Interview bekannt: Sie wolle den Kindern vor allem vermitteln, dass es Spaß macht, Jude zu sein.

Vielleicht muss man Lauders Engagement in Deutschland, dem Land der Täter, noch höher anrechnen. Das Jüdische Lehrhaus in Berlin wird künftig jüdische Lehrer und Gemeindehelfer ausbilden. Sie werden den jüdischen Zuwanderern aus Osteuropa die oft verschollenen Grundlagen und Wurzeln ihrer Religion und Kultur lehren. Dass dies in Berlin, der deutschen Metropole, dem Ort der Wannsee-Konferenz geschieht, empfinde ich auch als eine Geste der Vergebung gegenüber uns Deutschen. Aber wenn wir Deutschen schon keine Demut haben, müssen wir wenigstens bereit sein, uns beschämen zu lassen.

Was ich jetzt sagen möchte, berührt vielleicht ein Tabu: Ich weiß auch nicht, wie Ronald Lauder es sieht. Aber ich glaube wirklich, dass in Lauders Schulen, Kindergärten oder Sommercamps, dass im Jüdischen Lehrhaus oder in wiederbelebten oder neu errichteten Synagogen, vielleicht auch mal in meinem Potsdam, jede Mark besser angelegt wäre, als in jenem nicht unweit von hier geplanten Holocaust-Denkmal. Man mag einwenden, dass eine sei jüdische Kultur, das andere der Umgang der Deutschen mit ihrer Schuld am Holocaust.

Aber beides hängt zusammen.

Lieber Spielberg als ein Mahnmal aus kaltem Stein

Um nicht missverstanden zu werden: Ich rede nicht für das Vergessen, für das Verdrängen dieses völkermörderischen Kapitels der deutschen Geschichte. Im Gegenteil: Ich glaube, dass gerade dieses Betonmonument des schlechten Gewissens viel eher dazu führen wird, dass sich die Leute entziehen, dass sie verdrängen, dass sie einfach einen großen Bogen darum machen. Dieses Mahnmal wird es den Deutschen leichter machen, ihre Verantwortung zu verdrängen. Ein Mahnmal macht doch nur Sinn, wenn es die Herzen anrührt. Kalte Steine, die aussehen wie ein umgekipptes Hochhaus, berühren nicht, können nicht berühren.

Sie mögen allenfalls für gewisse Schauer sorgen. Ja, eine Parallele ist mir regelrecht unheimlich: Der Holocaust war doch wegen seiner Banalität so brutal, so einzigartig gegenüber anderen Völkermorden - eben weil das Morden so bürokratisch, so industriell, so perfekt-buchhalterisch geschah. Im Eichmann-Prozess wurde klar, dass dem gigantisch Bösen des Völkermordes auf Seiten der unmittelbaren Handlungsebene der Täter menschlich Banales gegenüberstand. Die Nähe aber zu dieser Kälte, ausgerechnet bei einem Mahnmal, das berühren soll, die ist mir suspekt. Es wird ein Mahnmal der Erstarrung sein, das nicht bewegen kann.

Berühren kann doch nur das menschliche Schicksal: Berühren können Fotos der ermordeten jüdischen Kinder. Die Berge von Kinderschuhchen. Berühren können Spielbergs Schindlers Liste oder die Interviews mit den Holocaust-Überlebenden. Berühren kann das Tagebuch der Anne Frank. Ich erinnere mich noch genau, wie ich nach der Lektüre als Teenager in Braunschweig auf den Jüdischen Friedhof gegangen bin, mich zwischen die Gräber gehockt, meditiert, an Anne Franks Träume vom Leben gedacht habe.

Gewiss, die Zeiten ändern sich. Um die Jugend, um die Kinder zu erreichen, um sie über das vor nur Jahrzehnten Geschehene aufzuklären, muss man im Internet-Zeitalter zu anderen Mitteln greifen. Ich bin überzeugt, dass über gute Medienkultur den Deutschen die von ihnen verursachte Tragödie am besten nahe gebracht werden kann. Ich betone gute und historisch-authentische Unterhaltungskultur. Schindlers Liste, nicht der neue Mengele-Film als Mysterium menschlicher Abgründe.

Sicher, der Bundestag hat nach einem typisch deutschen langen bürokratischen Prozedere über das Holocaust-Mahnmal entschieden. Trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass man statt des Übermonumentalen am Brandenburger Tor besser die Baracken der früheren Nazikonzentrationslager in Ravensbrück oder Sachsenhausen nicht vermodern lässt, dass man in Berlins Mitte besser ein jüdisches Kultur-, Begegnungs- und Austauschzentrum eröffnet, ein offenes Haus für Juden und Nichtjuden mit jüdischen Filmen, Literatur, Ausstellungen, Theater, Musik. Es könnte ein Ort sein, wo man jüdisch kocht und jüdische Witze erzählt. In einem meiner Lieblingsfilme Foreign Affair von Billy Wilder singt Marlene: In den Ruinen von Berlin / fangen die Bäume wieder an zu blühen.