Wenn die ersten Blätter fallen, strahlt Szeged immer noch genauso hell wie in den Wochen zuvor. Die sommerliche Atmosphäre hält sich hartnäckig in der südungarischen Stadt. Die Einwohner flanieren immer noch durch das gründerzeitliche, mediterran anmutende Zentrum. Alleen präsentieren stolz ihre Palmen, Platanen und selbst ein paar Ginkgos. Die Fußgängerzone quillt über von Petunienrabatten, an Verkehrsampeln hängen üppige Geranientöpfe.

Szeged, die Stadt an der Theiß, ist in Licht und Wärme getaucht: Auch im Herbst scheint die Sonne grell, und die Temperatur erreicht noch am Abend spielend 29 Grad.

Der Széchenyiplatz im Zentrum erstreckt sich über mehrere Querstraßen und ist mit seinen baumbeschatteten Wegen, Bänken und Rasenflächen wie geschaffen zum belebten Kontakthof. Ringsum erheben sich klassizistische Straßenzüge, stuckselig und mit der architektonischen Großzügigkeit der Jahrhundertwende entworfen. Hier beginnt László Darvasi, einer der bekanntesten Schriftsteller Ungarns, seine Stadtführung mit einer Geschichte, die dem idyllischen Bild der Innenstadt eine ganz andere Dimension verleiht: Ob wir denn wüssten, erzählt der seit bald 18 Jahren in Szeged lebende Literat, dass die Stadt ihre selten einheitliche Bebauung der größten Katastrophe ihrer Geschichte verdanke? In einer finsteren Märznacht des Jahres 1879 sei die Theiß um gut acht Meter über ihren normalen Pegelstand angestiegen und habe die uralte südungarische Siedlung an ihrem Ufer überflutet. Die vielen Lehmbauten sackten bald in sich zusammen, und als die Theiß wieder zurückfloss, hinterließ sie ein Trümmerfeld: 75 000 Menschen wurden obdachlos, von fast 6000 Gebäuden standen gerade noch 265.

Die Flut avancierte zum Gründungsmythos der heutigen Stadt. Denn in beeindruckender Geschwindigkeit erstand Szeged als ein Phönix aus dem Flussschlamm - eine völlig neue, quicklebendige Stadt anstelle der alten, eher ländlich anmutenden Siedlung. Wo früher eingeschossige Lehmhütten standen, prangt heute ein urbanes Kleinod, dessen prunkvoll klassizistische Bausubstanz die Zeitläufte bis heute nahezu unverändert überdauert hat. Zwei Ringe umgeben seither die Innenstadt

der äußere trägt die Namen verschiedener, meist westeuropäischer Hauptstädte, in dankbarer Erinnerung an die Hilfe des Auslands beim Wiederaufbau.

Heute, zehn Jahre nach der Wende, sind in viele der frisch getünchten repräsentativen Bauten der Innenstadt Banken oder vornehme Geschäfte einzogen. Ungarn, das einstige Musterland unter den osteuropäischen Reformstaaten, hat sich westlichem Kapital weit geöffnet und kann inzwischen beachtliche wirtschaftliche Erfolge aufweisen: So hat das Land in diesem Jahr beim Außenhandel mit Deutschland selbst Russland hinter sich gelassen

auch mit der baldigen EU-Mitgliedschaft wird hier fest gerechnet - schon jetzt gehen drei Viertel aller Ausfuhren des Landes in die westeuropäische Staatengemeinschaft.