Sie wählen und wählen, geduldig und immer wieder mit neuer Hoffnung, dass sich doch vielleicht noch etwas ändern möge zum Besseren hin. Gerade haben die Inder über ein neues Parlament entschieden, zum dritten Mal in drei Jahren. Und der alte Premierminister ist nun der neue: Atal Behari Vajpayee, der liberale Schöngeist der Rechtsaußenpartei BJP, dem sie eben doch mehr zutrauen als Sonia, die als der Schwiegertochter Indira Gandhis und als Witwe Rajivs nur den magischen Namen trägt. Sie gratulieren und gratulieren, die indischen Zeitungen, dem "weisen indischen Wähler", der - obwohl er nicht lesen und nicht schreiben kann, die unfähigen Politiker rauswirft und sich neue holt. Die gleichen Glückwünsche haben sie bereits das letzte Mal übermittelt und das vorletzte Mal ebenso. Gewiss, erstaunlich ist es schon, dass eine Art von Demokratie in einem so chaotischen Land mit einer Milliarde Individualisten überhaupt existiert. Kein Militärputsch und keine abgesetzten Wahlen in 52 Jahren Unabhängigkeit - das grenzt fast an ein Wunder.

Doch was hat diese Demokratie den Indern im letzten halben Jahrhundert gebracht? Für die meisten ein Dasein, das ihnen schlimmer erscheinen muss als das der Tiere. Genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, Schulen für die Kinder, damit sie es einmal besser haben, Arbeit, sauberes Wasser, Strom und wenigstens ein kleines bisschen Gesundheitsfürsorge - für die Mehrheit der Menschen sind und bleiben das ferne Träume. Die Nachbarn in Südostasien sind trotz weitaus schlechterer Startbedingungen längst an ihnen vorbeigezogen.

Aber diese Nachbarn kümmern sich von Anfang an ernsthaft um das Bevölkerungsproblem, während sich die indische Bevölkerung seit 1947 verdreifacht hat.

Wer heute irgendwo in einer indischen Stadt, in einem indischen Dorf, wo jetzt zur Monsunzeit die Kinder bis zur Brust durch Abwässer und menschliche Exkremente waten müssen, die eine Frage stellt: "Was wünscht ihr euch am meisten?", bekommt überall nur die eine Antwort: "Ein besseres Leben." Doch Indiens verrufene Politikerklasse spricht stattdessen von staatlicher Sicherheit und nationaler Größe und denkt allein daran, wie sie ihre Macht und Pfründen durch Patronage und Günstlingswirtschaft mehren und mehren kann.

Das wichtigste Merkmal der Demokratie bleibt damit auf der Strecke: Soziale Gerechtigkeit ist ein Fremdwort in Indien. Die desillusionierte Mittelklasse blickt neidisch nach China (wo es zwar keine Freiheit, aber Fortschritt gibt) und überlässt das Wählen den Leuten aus den Slums und den hintersten Dörfern.

Der Präsident aus der Ziegenhirtenkaste sahnte ab

Die Weltbank stellt in ihrem jüngsten Armutsbericht fest, dass die meisten Armen dieser Welt in Indien leben und dass sich alle Maßnahmen, die Armut zu verringern, "dramatisch verlangsamt" haben. Warum gehen dann die Armen weiter in Massen zur Wahl, zum zwölften Mal seit der Unabhängigkeit, während sich die Mittelklasse aus den Städten in politischem Fatalismus vom Wahlprozess verabschiedet hat?