Der Mäander der deutsch-deutschen Irrläufe, Zurückweisungen, Verlockungen und Enttäuschungen ist fast nur mit der Montage-Schnitttechnik des Dokumentarfilms deutlich zu machen. Ein Hans Henny Jahnn konstatiert, dass er sich 20 Mark leihen muss, sich keine Schreibmaschine kaufen kann und mit drei Angehörigen in seiner ungeheizten Hamburger Zweizimmerwohnung hockt: "Es gibt für uns aus der Klasse des Geistes nur noch die Wahl, unsere Demission als Mensch einzureichen oder in die Ostzone abzuwandern." Wenig später sinniert der "Formalist" par excellence Arno Schmidt: "Eventuell können wir Alle ja mal nach dem Osten ausweichen müssen! Wenn der Geist hier noch mefitischer wird."

Im Mai 1951 schreibt Jahnn: "In letzter Zeit habe ich eine unwahrscheinliche Berühmtheit erlangt, aber nicht als Schriftsteller, auch nicht als Orgelbauer, nicht als Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg und auch nicht als ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, sondern ausschließlich deshalb, weil ich mit vier Dichtern der Ostzone ein kleines Gespräch geführt habe. Dieser Umstand hat so gut wie die gesamte Presse in Erregung versetzt; selbst Provinzblätter, die nicht einmal in der Lage gewesen wären, meinen Namen im Lexikon zu finden, erblicken nunmehr in mir eine leicht schwankende Säule westlicher Kultur und Dichtkunst." Das ist haargenau ein Vierteljahr nachdem der Sohn einer anderen "Kultursäule" einen entgeisterten Abschiedsbrief an seinen Vater in der DDR publiziert hat, den "Kulturfürsten" Johannes R. Becher, keineswegs in einer ungeheizten Zweizimmerwohnung hausend, sondern in einer schwer bewachten Villa, Multifunktionär mit Chauffeur, Sekretären, Ostseedatscha und Westberliner Zweitwagen, mit dem er sich Morphium und Strichjungs aus der Frontstadt besorgt. Becher, zwischen Stalin-Hymnen und Depressionen schwankend, hochgebildeter Lügner und Förderer junger Talente, Schutzherr so manchen Künstlers und vor jedem Zensurgebot einknickender Ulbricht-Biograf, hochdekorierter Verfasser der DDR-Nationahymne und als Abweichler von der Stasi seiner Genossen beobachtet, hat seinem im Londoner Exil groß gewordenen Sohn diesen Brief - dessentwegen er ihn enterbte - nie verziehen: "Du musstest mir sagen: Ich kann Dich nicht empfangen in meinem Haus. Ich musste bis zum nächsten Tage warten, um Dich in Deinem Bureau zu sehen - wie ein Arbeitskollege oder Businessman. Es ist mir nie gelungen, Dich in Deinem Haus hinter Stacheldraht zu besuchen. Niemals werde ich Antwort geben können auf die Frage so vieler Freunde: Warum lebt Dein Vater hinter Stacheldraht? - Ist das der Schutz vor der Liebe Deines Volkes?" Der Brief erschien in der Zeitschrift Der Monat, deren Herausgeber Melvin Lasky im April 1948 Klaus Mann bei seinem letzten Berlin-Besuch in einem Hotel am Mexikoplatz zwar um Rat nach einem Titel - "Und warum nennen Sie die Zeitschrift nicht einfach ,Der Monat'?" - gefragt, dem Emigranten aber eine Mitherausgeberschaft nicht angeboten hatte; der langjährige Mitarbeiter Klaus Harpprecht schildert Entstehen und Existenz der Zeitschrift: "Die Zeitschrift ,Der Monat' wurde aus unvernünftig haushaltstechnischen Gründen aus den Fonds der CIA subventioniert, weil die Abgeordneten und Senatoren des amerikanischen Kongresses kaum bereit gewesen wären, die Mittel für solchen Luxus zu genehmigen. Nach meiner Erfahrung wurde auf die Redaktion und die Mitarbeiter dieser Zeitschrift niemals der geringste Druck ausgeübt. Ich habe auch nichts von einer Einflussnahme gespürt. (...) Wie gern hätte ich jedoch die CIA für die Autoren des ,Monat' weißbluten lassen! Die Agentur, die sich anderswo in der Welt die schrecklichsten Idiotien leistete und die gewiss für manches Verbrechen verantwortlich ist, hat ihr Geld niemals für einen besseren Zweck ausgegeben."

Das kulturelle Klima beider Deutschlands war ein Tribunal in Permanenz. "Man will mich tot machen", schreibt Hans Werner Richter an denselben Hans Sahl, "und leider, leider, man wird mich tot machen, wird es auf beiden Seiten schaffen, sowohl im Westen wie im Osten." Der Kämpfer Hans Werner Richter, der oft Gefahr lief, in den Querelen seiner Gruppe 47 zermahlen zu werden - "Laß nur, wir werden den Preis schon wieder hochbringen" wollte Walter Jens nach der Verleihung des Gruppenpreises an Heinrich Böll trösten -, erhielt aber auch wahre Kassandrarufe; Hermann Kesten, auch er aus der Emigration nie nach Deutschland zurückgekehrt, Entdecker von Anna Seghers in den zwanziger Jahren und hochverdienter Lektor des Exilverlages Allert de Lange, warnte vehement: "Daß unsere Literatur nur gewinnen kann, wenn wir mit der gegenseitigen K.Z.Unterdrückung ganzer literarischer Provinzen Deutschlands, mit der planmäßigen Krähwinkelei Schluss machen, und mit der Tortur der viergeteilten deutschen Literatur, sollte allmählich auch jenen düsteren Geschäftemachern unter den deutschen Literaten klar werden, die statt besser zu schreiben als ihre Kollegen, lieber alle Kollegen köpfen oder verbieten wollen, wie es unter den Nazis geschah, und jetzt wieder in der Ostzone geschieht." Das war nicht nur bösartige Scharfzüngigkeit eines eingefleischten Antikommunisten. Kurz darauf fand in Ost-Berlin ein wahres Tribunal statt.

Als im Frühjahr 1953 im Ostberliner Aufbau-Verlag ein schmaler Band mit dem lakonischen Titel Hanns Eisler - Johann Faustus erschien, war keineswegs sofort klar, dass damit eine der erbittertsten kulturpolitischen Debatten in der DDR ausgelöst werden sollte. Immerhin war Eisler Komponist der DDR-Nationalhymne, Nationalpreisträger, Akademiemitglied und als enger Mitarbeiter Brechts - dessen wichtigste Lieder er vertont hatte - ein hochrenommierter Künstler. Doch war es kühn bis waghalsig, als Hanns Eisler sein Libretto für eine National-Oper Johann Faust vorlegte. Der quer denkende Austromarxist Ernst Fischer wusste, was er tat, als er sofort bei Erscheinen des Textbuches in Sinn und Form einen Begrüßungsaufsatz veröffentlichte: "Für den Schriftsteller (...) treten zwei Zeitthemen in den Vordergrund: das Münzer-Thema und das Faust-Thema. Es ist die große Tat Hanns Eislers, dass er dies in Angriff nahm und eine Lösung fand, die Dank und Bewunderung verdient. Er hat in genialer Konzeption das Faust-Thema mit dem Münzer-Thema verbunden, die Problematik des Faust aus seiner Stellung zum Bauernkrieg abgeleitet, in der Gestalt des Faust eine Zentralgestalt der deutschen Misere reproduziert: den deutschen Humanisten, der vor der Revolution zurückschaudert: (...) Der deutsche Humanist als Renegat. (...) - in dieser Gestalt tritt uns wahrhaft ein Grundphänomen der deutschen Misere, der deutschen Katastrophe entgegen." Die Jagd war auf. Nicht nur diese Interpretation, sondern auch Eislers ureigenes Konzept widersprach dem damals besonders streng verordneten und durchgehaltenen Modell, die deutsche Entwicklung als die eines ungebrochenen humanistischen Ganges durch die Jahrhunderte zu begreifen. Der Faschismus war in dieser seltsam undialektischen, ja: unmarxistischen Geschichtsauffassung mehr ein Unfall, eine Art historischer Naturkatastrophe, die in lange zurück datierbare psychische und historische Strukturen nicht hineinverfolgt werden durfte. Nicht jedenfalls in der DDR, die sich als Erbe einer ausschließlich positiven Tradition sah oder sich wenigstens dafür ausgab. Genau darauf bezog sich die umgehend gedruckte Erwiderung des Neuen Deutschlands: "Goethes Hoffnung ,illusorisch'! In diesem abgrundtiefen Pessimismus liegt in der Tat das ganze Kernproblem, die Verneinung unseres klassischen Kulturerbes. (...) Ernst Fischer in seinem Sinn-und-Form- Aufsatz betrachtete den Verräter und den Renegaten nicht nur als typisch für die deutsche Intelligenz, sondern für die gesamte deutsche Nation. Er setzt das deutsche Volk mit den Hitlerbarbaren gleich und leitet daraus das ,Recht' für den Künstler ab, die abstoßende Gestalt des Volksverräters als typisch in den Mittelpunkt einer neuen ,realistischen' Faust-Konzeption zu stellen. Es genügt, Stalins Ausspruch vom 23. Februar 1942 anzuführen, dass es ,lächerlich wäre, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen', um zu zeigen, dass die gesamte Grundkonzeption des ,Johann Faustus' auf völlig unhaltbaren politischen und ideologischen Voraussetzungen aufgebaut ist."

Hanns Eisler hat - in seinerzeit nicht publizierten - Notizen auf diese Angriffe reagiert. So findet sich zu dem Grobianismus, er "verneine unser klassisches Kulturerbe" und es habe doch der Geist der goetheschen Humanität sich als mächtiger erwiesen denn die antihumane Barbarei des Dritten Reiches, der kleine Satz: "Es sollte besser heißen: Er hat ihn überlebt. Können wir 1945 von einem Sieg des deutschen humanistischen Geistes sprechen? Das können wir nicht, leider nicht." Das wäre die richtige Ebene der Auseinandersetzung gewesen. Aber für so leise wie genaue Bedenklichkeiten war die Zeit nicht reif. Wie erhitzt in dieser Epoche des Kalten Krieges jede Debatte sofort auch in eine brennende Propagandaschlacht ausflammte, zeigen die raschen und bösartigen Reaktionen der westlichen Presse.

Geh doch rüber!

Hilfreich war das wohl nicht. Und war auch nicht so gedacht. Das sollte nicht Öl auf die Wogen, sondern Öl ins Feuer gießen. Eine eigene Meinung, gar einen eigenen künstlerisch-moralischen Standpunkt zu haben - das war, zumindest in jenen Jahren, geradezu tödlich. Wer in der jungen Bundesrepublik der Adenauer und Globke aus dem Takt der Caprifischer-Duselei fiel, war ein "Gehen Sie doch nach drüben"-Verräter. Wer in der ebenso jungen DDR, die sich in Fähnchenschwingen, Fackelzügen und Aufmärschen getreu nach sowjetischem Vorbild gefiel, nicht in die geistige Marschrichtung passte, war oft kurz vor der Verhaftung oder - unter Prominentenschutz wie Eisler - wenigstens vor einer Art Berufsverbot. Meist begann derlei mit einem Ehrengericht.