Warum reagieren viele Parteigänger und politische Freunde so geschockt auf Lafontaines jüngstes Buch?

Lafontaine hat eine Abrechnung geschrieben. Er benennt Personen, er benennt Umstände, und er äußert sich vehement zu den Gefahren, die die fortschreitende Globalisierung für den menschlichen Umgang in dieser Gesellschaft mit sich bringt. Natürlich schrieb er dieses Buch, weil er auf seine Art eigenmächtig denkt, weil er arrogant und überzeugt ist von sich selbst. Das gilt aber für alle Politiker. Wenn endlich jemand offen sagt, was zu sagen ist, dann schockiert das alle. Lafontaine wird also zu einem Nestbeschmutzer gemacht, denn er spricht offen aus, was viele in seiner Partei dachten, wussten oder ahnten.

Genau so ist es. Lafontaine beschreibt Dinge, von denen man ahnt, dass er Recht haben könnte und die deswegen Angst verursachen. Es wird ihm vorgeworfen, er beschmutze seine eigene Partei und den Bundeskanzler. Darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass uns jemand die Arbeit abgenommen hat, den Finger auf die Wunde zu legen, was ja eigentlich etwas Positives sein sollte. Das aber goutieren wir nicht, denn damit hält er uns den Spiegel unserer eigenen Unfähigkeit vor.

Welcher Unfähigkeit?

Der Unfähigkeit von uns, diese Probleme selbst zu benennen, weil wir Angst davor haben, mit uns selbst oder anderen ins Gericht zu gehen. Lafontaine ist ja der Einzige gewesen, der von Anfang an gesagt hat, was die Globalisierung den Menschen antut. Er wagt es zu sagen, dass Profit nicht der einzige Gott sein soll, sondern der Mensch sollte auch wichtig sein. Damit verstößt er ja gegen das Gängige. Mit seinem Buch - dieser Aktion - hat er einen Spiegel aufgestellt, in den jetzt jeder - ob Parteifreund oder Publikum - schaut und sieht: Aha, da hatte einer den Mut, aufzustehen und nicht sitzen zu bleiben. Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen davon träumen, es Lafontaine gleichzutun? Doch sie trauen sich nicht.

Warum nicht?

Ein Kindheitsproblem. Was wir sehr früh wahrgenommen haben, beeinflusst entscheidend unsere Haltung zu Mut, Ehrlichkeit uns selbst gegenüber und zu jener Kraft, die uns aus dem warmen Sessel treibt, auch wenn's draußen zieht. Wie passiert das? Als Kind fühlen wir auf fast instinktive Art und Weise, wie unsere Mutter, wie unser Vater fühlt. Streiten sich die beiden oder merkt das Kind, dass etwas nicht stimmt, hat es das Bedürfnis zu trösten. Doch allermeistens schickt die Mutter das Kind weg. Denn sie kann sich nicht vorstellen, wie ein kleines Kind sie trösten kann. Obwohl das Kind also merkt, etwas ist mit Mutter und Vater nicht in Ordnung, wird ihm klargemacht, dass man es nicht brauche. Die Reaktion ist: Das Kind muss seine eigenen Gefühle verleugnen. Dies führt zu verheerenden Verwerfungen. Es opfert also das eigene Gefühl und wird, ohne es zu wollen, zum Opfer. Zu diesem Beispiel gesellen sich im Kinderleben einige hundert, und irgendwann hat sich ein Kokon aus Opferhaltungen manifestiert, der, hübsch verdrängt, darauf lauert, auseinander zu brechen.