Ich kann mir nicht vorstellen, besiegt herunterzukommen George Leigh Mallory

Fünfundsiebzig Jahre lang wusste man mit Gewissheit nicht mehr als dies: Am 6. Juni 1924 krochen kurz nach Morgengrauen zwei Mitglieder der englischen Everest-Expedition, George Leigh Mallory und Andrew Comyn Irvine, aus ihrem einfachen Leinwandzelt auf dem Nordsattel, einem 7066 Meter hohen windgepeitschten Joch aus Schnee, Eis und Fels. Es war der Auftakt zu einem Gipfelaufstieg, der in die Geschichte des Bergsteigens eingehen sollte.

Mallory hatte das alles schon erlebt. Die Everest-Expedition von 1924 war der dritte britische Versuch in vier Jahren. Weder den Nord- noch den Südpol hatten die Engländer als Erste erreicht, nun sollte wenigstens der "dritte Pol", der Everest, ihnen gehören.

Um 8.40 Uhr brachen Mallory (38) und Irvine (22) auf, begleitet von acht Tibetern, die Vorräte, Wolldecken und weitere Sauerstoffflaschen trugen. Sie erklommen den Nordgrat in Richtung Lager V. Gut acht Stunden später kamen vier der Träger mit einer Notiz von Mallory ins Camp IV zurück: "Kein Wind hier oben; die Sache sieht hoffnungsvoll aus." Am nächsten Morgen stiegen die beiden Bergsteiger und die restlichen vier Träger zum Lager VI auf. Gleichzeitig begab sich das Expeditionsmitglied Noel Ewart Odell mit zwei Trägern vom Nordsattel ins Camp V, um die Gipfelmannschaft unterstützen zu können, falls sie Hilfe beim Abstieg brauchte. Obwohl Camp VI nur gut sechshundert Meter unter dem Gipfel lag, hatten Mallory und Irvine gefährliche Hindernisse vor sich, als sie am nächsten Morgen mit dem Anstieg begannen: das brüchige Gelbe Band aus steil aufragenden, geröllbedeckten Kalksteinplatten, dann eine fast senkrechte Wand von dreißig Meter Höhe aus härterem Gestein, die so genannte Erste Stufe; einen heiklen und exponierten Gratweg; die ebenfalls dreißig Meter hohe Zweite Stufe, weit schwieriger als die erste - wie "der scharfe Bug eines Schlachtschiffs" -; dann ein breites, leicht ansteigendes Plateau, das zur schneebedeckten Gipfelpyramide selbst führt. Wenn sie den Gipfel erreichen sollten, erwartete sie möglicherweise die schwierigste Aufgabe von allen: sicher abzusteigen in ihrem - wie wohl mit Sicherheit anzunehmen war - Zustand äußerster Erschöpfung.

Mallory und Irvine dürften schon ein gutes Stück zurückgelegt haben, als Odell um acht Uhr morgens den Aufstieg in Richtung Nordostgrat und Camp VI begann. Dann, um 12.50 Uhr, wurden seine Augen "von einem winzigen schwarzen Fleck angezogen, dessen Silhouette auf einem kurzen Schneegrat unterhalb einer Felsstufe im Grat sichtbar wurde. Ein zweiter schwarzer Punkt tauchte auf. Es waren Mallory und sein Begleiter, die sich, soweit ich aus dieser großen Entfernung erkennen konnte, mit bemerkenswertem Tempo vorwärtsbewegten. Der Punkt auf dem Grat, von dem ich spreche, ist die vorspringende Felsstufe unmittelbar vor dem Fuß der Gipfelpyramide."

Odell schätzte, dass seine Kameraden jetzt noch drei Stunden vom Gipfel entfernt waren, und kletterte zum Lager VI hinauf, um es so vorzubereiten, dass sie es benutzen konnten. Als er das Lager erreichte, kam ein Schneesturm auf. Um 17.30 Uhr stieg er zum Lager IV ab, wie Mallory es in der Notiz vom Vortag verlangt hatte.

Odell war nicht allzu besorgt. Schließlich hatten Mallory und Irvine sich beim Aufstieg verspätet. Da war es nur logisch, dass sie auch beim Abstieg spät dran waren und höchstwahrscheinlich in einem der höheren Lager übernachteten.