Eine Liebesgeschichte mit Musik vor dem Hintergrund der Nazizeit: Hatten wir das nicht gerade? Droht uns jetzt nach Comedian Harmonists und Aimée und Jaguar eine Art "Best of" aus beiden Produktionen?

Gott sei Dank nicht: Bei Ein Lied von Liebe und Tod - Gloomy Sunday ist alles ganz anders. Der zweite große Spielfilm des Dokumentarfilmers Rolf Schübel (Der Indianer) arbeitet zwar mit einigen Genre-Elementen, aber er benutzt sie nur, um die Zuschauer noch wirkungsvoller in die Irre zu führen. Schon die Eingangsszene, in der der angesehene deutsche Industrielle Hans Eberhard Wieck (Rolf Becker) zu seinem 80. Geburtstag nach Budapest ins Restaurant Szabó zurückkehrt und dort beim Hören des Liedes vom Traurigen Sonntag vor seinem Teller Rollfleisch stirbt, ist so überzeichnet, dass man gleich merkt: Hier stimmt was nicht. Und diese Spannung bleibt bis zum Schluss - der eine überraschende Volte in die Gegenwart schlägt - bestehen. Schübels Film traut sich was: Postkartenbilder von Budapest, Liebesszenen vor rot getönter Donaulandschaft, dazu laute Musik. Einen Unterschied zum affirmativen Kino à la Vilsmaier bildet aber schon die Art der Musik: Gloomy Sunday, der als "Hymne der Selbstmörder" bekannte Song, ist nichts für schwache Nerven. Das melancholische Stück, das seit seiner Komposition im Ungarn der dreißiger Jahre unzählige Bearbeitungen erfahren hat, setzt sich - um es vorsichtig zu sagen - auf äußerst abgeklärte Weise mit der Conditio humana auseinander. Es könnte durchaus als musikalische Entsprechung zu den nur einige Jahre früher entstandenen berühmten Passagen von Martin Heideggers Sein und Zeit über die existenzialen Befindlichkeiten des Menschen, über Sorge, Angst und Langeweile gehört werden. Ein Lied für letzte Fragen, ein Evergreen in Schwarz.

In Ein Lied von Liebe und Tod werden die schwerwiegenden Einzelthemen, das Liebesdrama, die Geschichte des Lieds und der Nazis so kunstvoll ausbalanciert und scheinbar mühelos serviert wie die Speisen im Restaurant Szabó. Und weil es in diesem Film immer um die richtige Balance von großen und kleinen Dingen geht, scheint es dem Zuschauer schließlich völlig plausibel, dass sich Fragen von Leben und Tod bisweilen an einem Jazzstück oder einer Portion Rollfleisch entscheiden. So viel haben wir bei Comedian Harmonists nicht gelernt.