Kontroverse belebt bekanntlich das Geschäft, aber der Frontalangriff auf der Frankfurter Buchmesse war dem jungen Mann dann doch zu heftig. Dort empfing ihn kein Geringerer als Reinhold Messner und machte ihm den Vorwurf, die Wahrheit zu verfälschen, um mit einer zweifelhaften Story von der Erstbesteigung des Mount Everest durch den Briten George Leigh Mallory Geld zu machen.

Am Tag darauf in seiner Frankfurter Studentenbude ist Jochen Hemmleb die Wut über Messners Attacke immer noch anzumerken. Ihn einen Dickschädel oder Besessenen zu schimpfen - damit kann er leben. Er weiß, dass nicht jeder- mann nachvollziehen mag, warum sich ein 27-Jähriger mit Haut und Haar der Suche nach einer Leiche am höchsten Berg der Welt verschreibt. Aber den Vorwurf der Geldgier will er nicht auf sich sitzen lassen.

Auch Messner hatte mit seiner Suche nach dem Yeti die Kunst der Vermarktung selbst so eindrucksvoll demonstriert, dass Hemmleb einiges von ihm lernen könnte. Auf der Buchmesse wirkte der Zusammenstoß der beiden jedenfalls wie ein Vater-Sohn-Konflikt. "Du hast einfach nicht Recht", sagte der Jüngere irgendwann zum Alten.

Dabei sind beide, Messner wie Hemmleb, schon früh vom "Mallory-Virus" infiziert worden. Der Südtiroler war seiner Erinnerung nach gerade fünf Jahre alt, als seine Mutter ihm aus einem Heftchen die Abenteuergeschichte vom Everest-Bergsteiger Mallory und seinem Gefährten Irvine vorlas.

Jochen Hemmleb hatte mit 7 das erste Buch über die beiden Engländer in der Hand. Sein Vater begeisterte den Jungen für Mallory - und für das Bergsteigen. Mit 18 erkletterte er den Montblanc. Am Mount Everest hatte er sich bei der Mallory-&-Irvine-Suchexpedition ein vergleichsweise bescheidenes Ziel gesetzt. Er stieg - ohne Sauerstoff - "nur" bis zum Nordsattel in 7066 Meter Höhe. "Ich wollte das Expeditionsziel nicht gefährden. Schließlich war ich nicht hier, um große bergsteigerische Leistungen zu erbringen. Meine Aufgabe bestand darin, die Bergsteiger dort oben mit meinem Wissen zu dirigieren."

Dieses Wissen ist zweifellos groß. Nachdem Hemmleb 1987 Tom Holzels und Audrey Salkelds Buch First on Everest - The Mystery of Mallory and Irvine gelesen hatte, begann er, alles über den Everest zu sammeln. In seiner Frankfurter Dachkammer füllen Bücher über den Everest die Regale, sorgfältig unterteilt in allgemeine Expeditionsberichte, Nordflanke, Westgrat, Südsattel, Ostseite; dazu Bergposter, Videos.

Die wichtigsten Quellen schützt ein Schrank aus Stahlblech. Darin liegen die historischen Expeditionsberichte von 1921, 1922 und 1924 in Englisch und Deutsch, Videokopien seltener Filme, Karten, Fotografien und alte Zeitungsausschnitte.