Gerhard Schröder gehört nicht gerade zu den Ökofreaks der Republik. Selbst seinen grünen Umweltminister toleriert der Bundeskanzler eher, als dass er Jürgen Trittins Anliegen fördert. Umso bemerkenswerter ist, dass sich Schröder am kommenden Montag in Sachen Umwelt zu Wort melden will. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt wird sich der Chef der rot-grünen Koalition dann vor internationalen Auditorium zu einem Politikum äußern, das viele für eine der zentralen Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts halten: zum globalen Klimawandel, hervorgerufen vor allem durch den exzessiven Energieverbrauch von Ländern wie Amerika, Japan - und auch Deutschland.

Der Grund für Schröders Auftritt: Die "internationale Klimakarawane", so eine Mitteilung aus dem Hause Trittin, macht Halt in Bonn. Unter strenger Beobachtung von Umweltaktivisten und Industrielobbyisten werden Minister und Ministerialbeamte aus rund 150 Ländern 12 Tage und manch lange Nacht im Maritim Hotel der Bundesstadt darüber feilschen, ob sie es ernst damit meinen, die Erde vor drohender Erwärmung zu bewahren - oder ob sie es vorziehen, den Blauen Planeten zum lebensfeindlichen Treibhaus werden zu lassen. Ein steigender Meeresspiegel, zunehmende Wasserknappheit und bessere Lebensbedingungen ausgerechnet für Krankheitserreger wären nur einige der unangenehmen Folgen.

Selbst die Wahl des Tagungsortes Bonn ist eher ein peinliches Indiz für das erlahmte Interesse am Klimaschutz. Kein einziger der mehr als 175 Staaten, die mittlerweile die Klimakonvention aus dem Jahr 1992 ratifiziert haben, wollte dem Diplomatenzirkus sein mittlerweile fünftes Treffen ausrichten, auch das rot-grüne Bündnis in Berlin nicht. Die Wahl fiel nur deshalb auf Bonn, weil die Stadt am Rhein Sitz des UN-Klimasekretariats ist.

Auch Klaus Töpfer gehört längst nicht mehr zur Riege der ewigen Optimisten. Wegen seines Verhandlungsgeschicks wurde der frühere deutsche Umweltminister 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro als Held gefeiert; damals einigte man sich unter dem Jubel der Weltöffentlichkeit auch auf die Klimakonvention. Mittlerweile leitet Töpfer die Umweltbehörde der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi. In seinem jüngst erschienenen Global Environment Outlook (GEO-2000) heißt es ernüchternd: "Es ist vermutlich zu spät, um die globale Erderwärmung noch zu verhindern."

Die Feststellung ist noch beschönigend. Zwei Monate vor dem Anbruch des Jahres 2000 steht fest, dass die Industrieländer, Hauptemittenten des Klimagases Kohlendioxid (CO2), es noch nicht einmal schaffen werden, die wenig anspruchsvollen Zusagen zu erfüllen, die sie mit der Ratifizierung der Klimakonvention eingegangen sind. Reichlich verklausuliert und selbstverständlich nicht einklagbar haben sie in diesem völkerrechtlichen Vertrag zu erkennen gegeben, dass sie ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990 "zurückführen" wollen. Fehlanzeige, der Frevel wächst sogar (siehe Grafik). Außer den Briten und den Luxemburgern können nur die Deutschen Erfolge beim Klimaschutz vorweisen - freilich vor allem wegen des Zusammenbruchs der Schmutzindustrie im Osten des Landes.

Dabei herrscht in der internationalen Gemeinschaft längst Konsens darüber, dass allein die Rückführung der Emissionen auf die Werte von 1990 unzureichend ist, um den Klimawandel noch in einigermaßen erträglichen Grenzen zu halten. In einer dramatischen Nachtsitzung im Dezember vor zwei Jahren raufte sich deshalb die Diplomatenschar zusammen und einigte sich im fernen Japan auf das Kyoto-Protokoll, eine Ergänzung der Klimakonvention. Sie verpflichtet 38 namentlich aufgeführte Länder dazu, ihre Emissionen bis um das Jahr 2010 auf konkret genannte Werte zu reduzieren oder zu begrenzen. "Um mindestens 5 Prozent" sollen die Gesamtemissionen dieser Ländergruppe sinken, wobei die Europäer mit 8 Prozent die Hauptlast stemmen müssen, während die Vereinigten Staaten (minus 7 Prozent) und Japan (minus 6 Prozent) glimpflicher davonkamen. "Ein Fortschritt", kommentierte die damalige Umweltministerin Angela Merkel verhalten optimistisch. "Stark für die Umwelt und wirtschaftlich solide", ließ sich der amerikanische Präsident Bill Clinton vernehmen. Tatsächlich schien es, als seien die reichen Industrienationen aus Rücksicht auf die Umwelt und auf das Wohlergehen zukünftiger Generationen erstmals gewillt, beim Umgang mit dem wichtigsten Rohstoff des Industriezeitalters Genügsamkeit zu zeigen.

Schon bald offenbarte sich allerdings das Gegenteil. Bis heute, zwei Jahre nach dem legendären Kyoto-Konklave, hat nämlich kein einziges Industrieland das Abkommen ratifiziert - was aber nötig wäre, damit das Paragrafenwerk rechtskräftig wird. Nur eine Hand voll Miniländer hat das Vertragswerk bisher von seinen nationalen Gesetzgebungsinstanzen billigen lassen - darunter vor allem Inselstaaten, deren schiere Existenz auf dem Spiel steht, wenn klimapolitisch Ebbe herrscht und deshalb der Meeresspiegel steigt: Bahamas, Fidschi, Malediven, Mikronesien und einige andere, die außer versprengten Rucksacktouristen kaum jemand kennt. Die Regierung der Cook Islands, eines pazifischen Inselstaates, gab beim Bonner Klimasekretariat sogar förmlich zu Protokoll, die Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls seien "nicht adäquat, um gefährliche Störungen des Klimasystems zu verhindern".

Ziemlich schlecht, wenn es nach dem Willen der Amerikaner geht. Die Weltmeister im Energiekonsum drängen unerbittlich darauf, die Regeln so auszugestalten, dass ihnen erspart bleibt, daheim eine energiepolitische Wende einzuleiten. Stattdessen wollen sie sich selbst und den anderen Industriestaaten genehmigen, ihre Reduktionsverpflichtungen möglichst weitgehend auch im Ausland erfüllen zu dürfen - beispielsweise dadurch, dass sie Russland und der Ukraine Verschmutzungsrechte abkaufen. Den beiden Ländern des ehemaligen Ostblocks ist in Kyoto zugestanden worden, dass sie um das Jahr 2010 genauso viel Treibhausgase in die Luft pusten dürfen wie 1990. Wegen des wirtschaftlichen Niedergangs sind die tatsächlichen Emissionen aber drastisch gesunken. Die Folge: Russland und die Ukraine verfügen über mehrere hundert Millionen Tonnen unausgeschöpfte Emissionsrechte, die ihnen die Amerikaner zum gegenseitigen Nutzen gerne abkaufen würden. Nur: Der Umwelt wäre damit nicht gedient, würden doch virtuelle Emissionen - Diplomatenjargon: heiße Luft - dadurch zu De-facto-Emissionen.

"Klimaschützer" ist in den USA ein Schimpfwort

Dabei wächst auch in den USA ganz langsam die Furcht vor dem Klimawandel. Im Sommer litten die Farmer im Mittleren Westen unter extremer Trockenheit. Vor wenigen Wochen starben in New York mehrere Menschen an den Folgen von Mückenstichen, weil die Insekten eine seltene, sonst nur in tropischen Zonen vorkommende Krankheit übertragen hatten. Und allein der nur wenige Stunden wütende Hurrikan Floyd, ließ die US-Notenbank kürzlich wissen, hat die Industrieproduktion im September um 0,3 Prozent gedrückt. Das alles könnten Vorboten des Klimawandels sein. Manche US-Firmen wie beispielsweise der Chemieriese DuPont geloben denn auch Besserung. Und dennoch: Die Energielobby und die republikanische Mehrheit im Kongress lässt das unbeeindruckt. Klimaschutz, klagt ein europäischer Diplomat seine leidvollen Erfahrungen, sei jenseits des Atlantiks ein ähnliches Schimpfwort wie der Begriff liberal; beides werde mit Kommunismus assoziiert.

So hartleibig sind die Europäer nicht. Zwar gestand die neue EU-Umweltkommissarin Margot Wallström kürzlich entwaffnend ehrlich: "Wir sind gegenwärtig nicht auf dem richtigen Weg, um die Verpflichtung von Kyoto zu erreichen." Das sei "nicht gut", auch nicht im Hinblick auf die internationale Glaubwürdigkeit der EU. Gleichwohl drängen die Europäer darauf, die "Flechsmechs", wie die flexiblen Mechanismen des Kyoto-Protokolls im Diplomatenjargon fast liebevoll abgekürzt werden, nicht allzu weit zu öffnen. Durchsetzen freilich, das zeichnet sich schon ab, werden sie sich damit auch in Bonn nicht. Vielmehr, verrät Mark Hambley, ein Spitzenmann aus der amerikanischen Verhandlungsdelegation, habe man sich mit den Europäern bereits verständigt, das heikelste aller Themen gar nicht erst anzusprechen.

Dennoch droht das Treffen im noblen Bonner Maritim Hotel zu einem "Woodstock für Flechsmechs-Freaks" zu werden, wie mancher Umweltschützer fürchtet. Denn außer der Größe der Schlupflöcher gibt es noch viel anderes zu regeln - auch ein so delikates Problem, wie mit Ländern verfahren wird, die zukünftig ihren Verpflichtungen nicht nachkommen: Soll ihnen geholfen werden? Oder sollen sie mit Geldbußen oder gar Handelssanktionen bestraft werden? Die Gemeinde der Umweltschützer, der wegen der Komplexität der Materie ihr wichtigstes Thema abhanden kommt, hat jedenfalls bereits für die mieseste Verhandlungsführung das "Brikett des Tages" ausgelobt.

Alle Hoffnungen liegen nun, wie schon des Öfteren bei solchen Gelegenheiten, bei den Europäern. Sie sollten nach Auffassung der beiden Klimapolitikforscher Hermann Ott und Sebastian Oberthür die Initiative ergreifen und den Verhandlungen zu neuem Schwung verhelfen - was freilich voraussetzt, dass Europas größter Klimafrevler, Deutschland, mit gutem Beispiel vorangeht. Deshalb steht der deutsche Bundeskanzler unter verschärfter Beobachtung, wenn er am kommenden Montag vor den Delegierten in Bonn das Wort ergreift.

Die Latte für Gerhard Schröder liegt hoch. Schließlich ist sein Amtsvorgänger Helmut Kohl mit gutem Beispiel vorangegangen. 1995, als die Klimakarawane schon einmal in Deutschland einkehrte, riss Kohl die Versammlung unter dem Beifall der internationalen Umweltschutzgemeinde aus ihrer Routine - auch dadurch, dass er hierzulande mehr Klimaschutz versprach. Kohl machte nur einen Fehler: Er ließ den Worten nicht genug Taten folgen.

Mitarbeit: Petra Pinzler