Wenn Patrick Perrin aus seinem Hubschrauber auf Campione schaut, dann kann er sein Glück kaum fassen. Dann formen seine Hände Gebäude, die es noch gar nicht gibt, und seine Arme spannen sich zu Dimensionen, die etwas zu mächtig scheinen für den kleinen Ort. Manchmal wird er fast fürsorglich. Dann schaut er über den Rand seiner goldenen Lesebrille und sagt mit weicher Stimme: "Ich möchte Campione wieder zum Leben erwecken."

Eigentlich beschäftigt sich Perrin mit anderen Sachen als mit abgeschiedenen Dörfern am Gardasee. Der Franzose ist mit seiner Familie Eigentümer der Firma Cartier. Ihm gehörten auch mal die Automarke Lamborghini und ein Fernsehsender in Monte Carlo, aber daran hatte er irgendwie keinen Spaß mehr.

Im Augenblick kümmert sich Perrin darum, hier und da Luxushotels zu bauen und Fluggeräte einzukaufen. Außerdem lenkt er eine Finanzierungsgesellschaft, deren Volumen cinquemila miliardi lire (umgerechnet rund 5 Milliarden Mark) betragen soll.

Jetzt hat sich Patrick Perrin die kleine Freude gemacht und gleich ein ganzes Dorf gekauft: Campione sul Garda. Wo die Gebäude der alten, längst stillgelegten Baumwollspinnerei stehen, soll ein Luxushotel hin, mit der größten Beautyfarm Europas. 600 Luxusresidenzen will er bauen und ein Einkaufszentrum - 250 Millionen Mark möchte er dafür ausgeben. "Die neuen Gäste sollen hier alles finden, ohne rausgehen zu müssen", sagt Perrin.

Wenn Orsolino Consolini das Geräusch von Hubschrauberrotoren hört, bekommt er so ein Drücken im Magen. Er steht dann meist am Tresen seiner Pizzeria Da Tonino am Dorfplatz. Bei dem Pochen der Rotoren fällt ihm ein, dass der neue Eigentümer des Dorfes 500 000 Mark für das Untergeschoss des maroden Gasthauses haben möchte, das er seit 29 Jahren gepachtet hat. Er hält das für Wucher und für Taktik. "Perrin möchte hier die Reichen reinholen, und die Kleinen wie wir werden sterben", sagt Consolini. Für das Alte, für eine einfache Pizzeria wie seine, sei in dem geplanten Luxusresort kein Platz mehr. "Das wär so, als ob ich mit meiner fleckigen Schürze durch Monte Carlo laufen würde."

Eine Seilbahn soll die solventen Urlauber zum Golfen bringen

Und dann erzählt Consolino von früher, als die Turbinen der Spinnerei noch liefen, als die Schulkleidung und die Hefte umsonst waren, den Müttern die Kinder zum Stillen in die Textilfabrik gebracht wurden und die Wohnungsmiete 30 Mark im Monat betrug. Wenn bei ihm zu Hause eine Glühbirne kaputtgegangen war, hätte es keine zehn Minuten gedauert, bis der Reparaturdienst der Fabrik da gewesen sei. "Campione war das Paradies."