Was haben Vampire, Prostituierte und der Kaiser von China gemeinsam?

Lange Fingernägel und eine Lebensweise fern von händischer Arbeit. Anders als die Tiere können wir Menschen lange Krallen nicht zum Zupacken, sondern nur zur Demonstration luxuriöser Arbeitslosigkeit gebrauchen.

Weil Nägel am Verstorbenen lange weiterwachsen, erwecken sie den Verdacht, man habe es mit einem untoten Vampir zu tun. Die Kralle kündet den Fangzahn an, das Signum des Blut saugerischen Aristokraten. Überschüssig wie seine Nagelpracht ist der Vampir insgesamt. Er gehört nicht zur produktiven Seite der Natur, sondern ist deren dekadenter, luxuriöser Auswuchs.

Der Vampirmythos ist zugleich eine symbolische Bewältigung des allgemeinen Nagelproblems, dass man am Rande des Körpers permanent ein wenig vertotet, verhornt und fühllos wird. Während am Toten die Nägel das einzig Lebendige sind, tritt mit ihnen am lebenden Menschen das Tote hervor.

Zur Demonstration einer geradezu dämonischen Macht, die ohne tätige Hände auskommt, dienten wohl auch den chinesischen Kaisern ihre extrem langen Nägel. Im Kontrast zu einer händisch arbeitenden Gesellschaft verdeutlichten diese, dass ihre Träger nur noch Winke zu geben brauchten, um die Welt zu dirigieren. Die schwere Nagelpracht war Zeichen der Entlastung.

Die Prostituierte schließlich, als dritte fantastische Ahnherrin des Kults der langen Nägel, teilt mit Vampiren und Kaisern nicht nur die Verweigerung "ordentlicher" Arbeit, sondern auch den Verdacht, eine parasitäre, für die Gesellschaft überflüssige und - wie die Nägel - überschüssige Existenz zu führen. Scheinbar lebt das "Freudenmädchen" ganz und gar der Freude, die Nagellänge bemisst seinen Abstand zum produktiven Funktionieren der legitimen Gattin. Die demonstrative Arbeitsverweigerung ist eine gesellschaftliche Frivolität, die sich der erotischen nicht nur äußerlich hinzugesellt, sondern eines ihrer Kernstücke bildet. Um eine die gute Ordnung überschreitende Lust verkörpern zu können, muss die Prostituierte Luxus inszenieren. Deftige Fingernägel sind vergleichsweise billige Manifestationen eines Lebens im Überfluss. Ein kleines, aber deutliches Dementi der unentrinnbaren Verstrickung in Arbeit und Ökonomie.

Die Hand steht symbolisch für Arbeit und Tätigkeit, für das aktive, gestalterisch in die Welt eingreifende Subjekt

wird sie durch überlange Nägel unbrauchbar, tritt die Subjekt-Seite des Menschen in den Hintergrund, die Objekt-Seite tritt hervor. Die von langen roten Krallen geschmückte Prostituierte ist somit am zentralen Ort der aktiven Subjektivität mit passiver Objekthaftigkeit geschlagen. Die Hand, normalerweise ein begehrendes, aneignendes Organ, gibt sich als ein begehrtes aus und lädt zur Aneignung ein. Die damit als reines Objekt ausgezeichnete Frau kann nur noch Adressatin von Zuwendung sein. Sie produziert nichts, ihr wird für ihr fruchtloses, bloßes Dasein gegeben - so will es zumindest die patriarchale Utopie des Erotischen. Die prunkvollen Manifestationen dieser Utopie erscheinen fürs Gewerbe wichtiger als deren handfeste praktische Nachteile: Kratzspuren auf der Haut sind in der Realität meist unerwünscht, die zum Austausch von Zärtlichkeiten nötige Feinmotorik wird beeinträchtigt ...

Für die Fingernagel-Fantasie jedoch spielen gerade diese unpraktischen Eigenschaften eine große Rolle. Kratzen gilt als Ausdruck gesteigerter Leidenschaft, weil aus lauter Lust am Vereinigen und Durchdringen der Körper die Haut als deren Grenze nicht respektiert wird. Mit einem Kratzer kehrt die Frau am Rücken des Mannes die Stoßrichtung der Durchdringung um, ihr langer Nagel penetriert seine Haut und hinterlässt als süße Rache eine blutige Spur.

In diesem Bild tritt die phallische und fetischistische Dimension des langen Nagels deutlich hervor: Er ist als Verlängerungs- und Versteifungswerkzeug das aggressive Äquivalent zum hohen Stöckel. Der Prachtnagel ist ein Zauberstab an den Händen der Frau. In ihm verdichtet sich die erotische Macht des weiblichen Objekts über das männliche Subjekt.

Auch die mangelnde Eignung krallenbewährter Hände zu sensiblen Zärtlichkeiten ist für die Verheißung deftiger Erotik nicht von Nachteil. Freud hatte nicht ganz Unrecht, als er Zärtlichkeit als Ausdruck "zielgehemmter" Begierde denunzierte. Kuscheln ist schön, wilder Sex ist schöner. Gerade die eheliche Konkurrenz der Prostituierten leidet oft unter Verkuschelung. Gegen das häuslich-liebliche Milieu eines gewaltfreien Austauschs von Streicheleinheiten, getragen vom Geiste des Konsens, retten scharfe Krallen die aggressiven Anteile des männlichen wie des weiblichen Begehrens vor der Überzivilisierung. Zu einem ausgewogenen erotischen Menü gehört eine kleine Prise Sadomasochismus als Würze: Wie ein Spritzer Tabasco, der nicht der Nahrhaftigkeit, sondern als Scharfmacher dient.

Nicht nur das Derbe im Sinne des Ordinären, auch das Wilde, Ungezähmte und Naturhafte wächst in Nagelform aus dem Menschenkörper hervor und fordert dazu heraus, zurückgestutzt und kultiviert zu werden. Krallen sind tierisch und bedürfen der Zähmung. Sandblattfeile, Rosenholzstäbchen, Nagelweißstift und Polierkissen tun das Ihre, Nageldesigner und Airbrush-Künstler erledigen den Rest.

Im Verhältnis zu den Exaltiertheiten des Vampirismus, der Souveränität, der Nuttenerotik und der Tierzähmung ist der real existierende Sekretärinnennagel ein recht bescheidenes, wenn auch ambitioniertes Projekt. Auf den ersten Blick verwundert die Zuordnung des Krallenkults zur Berufstätigkeit des Tippens. Doch gerade weil es so schwierig ist, mit langen Nägeln eine Tastatur zu bedienen, scheint die Herausforderung umso größer, dabei Kunstfertigkeiten zu entwickeln. Für ein Dauerdrama des Misslingens ist gesorgt. Selbst wenn die kleinen Kunstwerke nicht von selbst splittern, müssen Grenzen des Wachstums gezogen werden. Wendet man den Nägeln genügend Aufmerksamkeit zu, werden sie einem immer als zu kurz oder zu lang, zu hell oder zu dunkel, zu glänzend oder zu stumpf erscheinen.

Im lebbaren Normalbereich zeigen Nagellängen die Kompromisse zwischen Luxuswünschen und Notwendigkeiten, Hervorstechen und Bescheidenheit, nuttig und keusch. Die Träume, die einem in verkörperter Form monatlich vier Millimeter weit aus dem Nagelbett entgegenwachsen, zwingen zur Bemessung. Wie viel davon will man zulassen, wie viel kann man sich leisten? Wie viel ist zu viel an dieser Schnittstelle zur normierenden Gesellschaft? Wenn im Nagelstudio Länge, Farbe und Material zur Entscheidung anstehen, schlägt jeder Frau die Stunde ihrer inneren Wahrheit. Wie viel Vampirella, wieviel Prinzessin, wie viel Nutte und wie viel Tier sie aus sich herauswachsen lässt, wird die Kühnheit ebenso wie die Bemessenheit ihrer libidinösen Selbstbestimmung verraten.

AU:WOLFGANG PAUSER