Karlshorst

Nikolaj Erastowitsch Bersarin regierte Berlin 54 Tage, vom 24. April bis zum 26. Juni 1945, als er mit einer Zündapp im Tiergartenviertel auf einen Laster donnerte. Er war sofort tot, und Stalin war nur mit Mühen zu überzeugen, dem General, der mit seiner 5. Stoßtrupparmee zu den ersten Eroberern der alten Reichshauptstadt gehörte, einen Ehrenplatz auf dem Moskauer Prominentenfriedhof zu gewähren. Er hielt ihn für einen Rowdy: ein Stadtkommandant, der wie ein junger Wilder durch die Straßen karriolt.

Die Berliner, die in ihren zerbombten Häusern und Kellern hausten und nicht wussten, was die Stunde null wohl bringen wird, waren von dem bärenstarken gedrungenen Generalobersten angetan. Der Geschützdonner war noch nicht verklungen, da legte dieser bereits die ersten Grundsteine für die zivile Verwaltung der Stadt. Der Kriegsmanager wurde zum Friedensmanager. Die Versorgung mit Wasser kam in Gang, Bersarin ordnete an, dass die öffentlichen Verkehrsmittel, so gut es eben ging, wieder fuhren, der Unterrricht an den Schulen begann, zehn Tage nach der Kapitulation wurden die ersten Zivilrichter eingesetzt. Der 42 Jahre alte General empfing Kirchengrößen wie den Bischof Dibelius und legte ihm ans Herz, den Religionsunterricht wiederaufzunehmen. "Vor allem will ich, dass Sie die Kinder in Ehrfurcht vor Gott erziehen", soll er gesagt haben. Er bestellte Gustav Gründgens, den Schauspielintendanten, zu sich, um die Kultur zu reanimieren. Und, so wird überliefert, er soll gewünscht haben, dass die Berliner sich wieder rasiert in der Öffentlichkeit zeigen: "Ist einer gut rasiert, so ist er gutgelaunt, optimistisch gestimmt. Ich möchte, daß die Berliner nicht Trübsal blasen!"

Das Schicksal der Stadt wurde für knapp acht entscheidende Wochen durch ihn gelenkt und bestimmt. "Der Erfolg seiner Tätigkeit entschied über das Leben von Hunderttausenden, die nach einer zehntägigen blutigen Schlacht in den Straßen Berlins ernsthaft die Möglichkeit des kollektiven Untergangs ins Auge fassten", heißt es im Katalogvorwort.

So, wie er heute, 50 Jahre später, in dem deutsch-russischen Museum in Karlshorst in einer kleinen Ausstellung präsentiert und in einem Katalog kenntnisreich porträtiert wird, könnte er wohl eine Figur sein, deren Beschreibung Hemingway gereizt haben müsste. Mit 14 Jahren Soldat, auf Posten im fernen Sibirien, wo die Familie sich einen jungen Bären hielt, bis die Nachbarn vor Angst nachts nicht mehr schlafen konnten, stationiert an der chinesischen Grenze und im Baltikum, die Stalinschen Säuberungen mit viel Glück überstanden, war er wohl ein guter Organisator und tapferer Troupier.

Auch er hätte sagen können: Ich bin ein Berrrliner

Die Zeit als Kommandant von Berlin wird der Höhepunkt seiner Karriere gewesen sein, wer weiß, was die späteren Jahre ihm gebracht hätten, vielleicht Verfolgung, weil er sich zu sehr mit den bürgerlichen Elementen des besiegten Berlin eingelassen hat. Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass er erst 1975 und nicht schon zehn Jahre früher, als Ost-Berlin viele Sowjetmenschen zu Ehrenbürgern machte, in die Ehrenbürgerliste eingetragen wurde. Nach der Wende kam es, wie es kommen musste. Bersarin wurde gleichsam degradiert, in die gemeinsame Berliner Liste der Ehrenbürger wurde er nicht aufgenommen. Die dafür Verantwortlichen brachten die Souveränität nicht auf, diesen zweifellos ungewöhnlichen Mann der ersten Nachkriegstage zu würdigen. Im Baltikum soll er 1940 bei der Deportation von 47 000 Letten mitgewirkt haben, lautete der Vorwurf. In der Ausstellung werden nun Dokumente gezeigt, die beweisen, dass er zu jener Zeit noch in Fernost Dienst tat.