Als Axel Mitbauer acht Jahre alt war, ist er zum ersten Mal um sein Leben geschwommen. Bei einem Kindersportfest in Leipzig hielt er sich zwei Querbahnen über Wasser, schneller als alle anderen. Sein Stil war eine Art Kraulschwimmen, selbst beigebracht, mit Luftanhalten. Zwei Meter weiter wäre ich ertrunken, sagt Axel Mitbauer. Ein Talentsucher holte ihn zum Training ins Zentralstadion, und seitdem sei er im Schwimmgeschäft.

An diesem Nachmittag steht Mitbauer am Beckenrand einer Schwimmhalle in Basel. Er trägt Adiletten, und wenn er geht, wippt sein mächtiger Bauch im Takt seiner Schritte. Man könnte ihn für den Bademeister halten, vielleicht für den Hausmeister, aber nicht für den ehemals besten Langstreckler der DDR, der seinem Staat durch die Ostsee davonschwamm. Plötzlich brüllt er. Auf 20 Meter Entfernung hatte Mitbauer gesehen, dass der Daumen einer jungen Schwimmerin beim Armzug eine Spur zu hoch aus dem Wasser kam. Er ist ein Schwimmverrückter, sagt einer der Schweizer Nationalschwimmer. Er hat uns das Wasser beigebracht, sagt eine 73-jährige Frau, die vor kurzem bei Mitbauer das Schwimmen lernte und eben 16 Bahnen gekrault ist. Für den Schwimmsport würde ich sterben, sagt Mitbauer.

Mit zwölf Jahren schwamm Axel Mitbauer im Nationalkader der DDR. Er war 1,86 Meter groß und hatte Hände wie Flossen. Wenig später verhaftete die Stasi den FDJ-Sekretär seiner Leipziger Trainingsgruppe. Er war Mitbauers Freund, und ihm waren Zweifel gekommen an Referaten mit Titeln wie Der westdeutsche Sportler - dein Feind.

Mitbauer wurde sein Nachfolger. Er befürchtete, dass auch er sich irgendwann verplappern könnte. Während eines Wettkampfes in Budapest 1968 fragte er einen Essener Schwimmer, den er kannte, wie man am besten in die Bundesrepublik gelange. Wenige Wochen später wurde Mitbauer an einer Straßenbahnhaltestelle in Leipzig verhaftet. Die Stasi war informiert worden.

Als Axel Mitbauer nach sieben Wochen Haft entlassen wurde, waren die Olympischen Spiele vorbei.

Vielleicht hätte er die Einzelhaft vergessen. Möglicherweise sogar die Dunkelzelle und sein mageres Entlassungsgewicht von 59 Kilogramm. Dass sie ihm lebenslanges Startverbot und Sportstättenverbot gaben, ihm das Wasser entzogen, vergaß er nicht. Das Wasser ist doch mein Element, sagt Mitbauer.

Alles bei mir hat mit Wasser zu tun, meine Einstellung, meine Ausbildung, meine Familientradition. Als Kind war Mitbauer der Einsamkeit zu Hause entschwommen - seine Mutter studierte in einer anderen Stadt, seine Oma konnte nur kommen, wenn sie keinen Schichtdienst hatte, und seinen Vater, ebenfalls Leistungsschwimmer, sah er nur dreimal.