Dass er schmächtiger war als andere Elfjährige, machte den Anblick noch schlimmer: In Anstaltskleidung, die Hände auf dem Rücken wie ein Schwerverbrecher, so sah man ihn um das Gefängnis trotten. Und die beiden Sheriffs, die ihn letzte Woche in den Gerichtssaal führten, schienen ihn förmlich zu zerquetschen. Während der Verhandlung kritzelte Raoul mit einem Malset vor sich hin, wie es Kinder in Restaurants bekommen, damit sie schön ruhig bleiben. Derweil unterhielten sich Erwachsene darüber, ob er am 25. Mai im elterlichen Garten in einem Vorort von Denver "schweren Inzest" an seiner fünfjährigen Halbschwester begangen hatte.

Die Empörung über den Fall Raoul Wüthrich fegte einem Herbststurm gleich durch die Schweiz. Täglich wurde sie mit neuen Schlagzeilen geschürt. "Befreit Raoul!" - "Schweiz empört!" - "Raoul hat Hunger!" Im Jugendgefängnis Mountain View, wo man ihn seit 30. August hinter Stacheldraht in einer winzigen Zelle gefangen hielt. Selbst den unmittelbar Betroffenen, dem 31-jährigen Schweizer Stiefvater und Elektroingenieur Andreas Wüthrich, fiel, wie es häufig in Augenblicken großer Erregung geschieht, nur der hohle Wortschatz von Boulevardpresse und Politikern ein: "Äußerst entrüstet" ist er, sagte er auf der Pressekonferenz vor Fernsehkameras, und "grauenhaft" findet er das Vorgehen der amerikanischen Polizisten: Rissen Raoul mitten in der Nacht aus seinem Bett, an das er sich verzweifelt klammerte, und führten den Schluchzenden in Handschellen ab. Ob die Wüthrichs in die Schweiz geflohen sind, um Raouls Geschwister zu schützen, oder ob es noch andere Motive gibt, möglicherweise beunruhigende - die Verhaftung des Elfjährigen zeigt einen außer Kontrolle geratenen Justizapparat: Amerika führt Krieg gegen seine Kinder.

Ins Rollen gebracht hatte die Geschichte eine Nachbarin. Sie hatte, so gab sie zu Protokoll, gesehen, "wie der Junge im Garten sein Gesicht an Sophias Genitalien presste und seinen nackten Penis an ihren Po drückte". Ein ungeheuerlicher Vorwurf, wenn man bedenkt, dass in Amerika schon der Kuss eines Erstklässlers auf die Wange einer Sechsjährigen als sexuelle Belästigung gilt und zum Rausschmiss aus der Schule führt. So geschehen 1996 in North Carolina. Amerikas Strafwut in Sachen Sex tobt sich auch bei den Erwachsenen aus. In etlichen Bundesstaaten sind Oralsex, intime Begegnungen bei Licht, Nacktheit und Fluchen im Bett, Kondome, Seitensprünge verboten. Und eine Serviceangestellte klagte erfolgreich wegen sexueller Belästigung, als ein Gast im Lokal den Playboy las.

Nun ist Laura Mehmert weitherum als Kinderschreck bekannt. Sie soll sich nicht nur ständig über Lärm beschweren, sondern auch tätlich gegen Buben vorgehen. Der Häusermakler wusste um diese schwierige Nachbarschaft, als er den Wüthrichs das Nebenhaus im Villenquartier andrehte. Gewarnt hat er sie wohlweislich nicht.

Als Zeugin noch unzuverlässiger ist das Opfer, die fünfjährige Sophia. Nichts leichter, als von einem Kind die Antworten zu bekommen, die man hören will. Vor allem, wenn man es im Glauben lässt: "Sobald du bestätigst, was ich dir vorsage, darfst du wieder nach Hause gehen." Sophia bestätigte bald. Wohl, wie die Eltern vermuteten, um ihrem Bruder eins auswischen, der sie tags zuvor im Auto nicht ans Fenster gelassen hatte. Auch erzählt Sophia gerne wilde Geschichten. Beispielsweise, dass ihr Vater beim Campen einen Löwen erschossen hat. Doch Richterin Marilyn Leonhard fand die Fünfjährige so glaubwürdig, dass es am 8. November zur formellen Anklageerhebung kommen wird.

In der Schweiz wurde jedermann, der nur im Entferntesten mit Jugendjustiz zu tun hat, mit Interviewfragen bombardiert. Absurdes Verfahren oder auch bei uns möglich? Bei uns, so die beruhigende Antwort, säße ein Elfjähriger höchstens im Erziehungsheim. Einkerkerung und Behandlung als Schwerverbrecher - lebenslanges Trauma oder Erfahrung, die ein Kind wegstecken kann? Trauma, befürchten die Psychologen. Weil Raoul nicht weiß, warum er im Gefängnis ist. Harmloses, unter Kindern häufiges Doktorspiel oder sexueller Übergriff? Harmlos und häufig. Obwohl der Altersunterschied von sechs Jahren eher auf ein Machtspiel denn auf bloße Neugierde deutet.

In Amerika dagegen interessierte Raouls Fall kaum. Schon deshalb, weil das Fernsehen gleichzeitig den ungleich spannenderen Prozess gegen einen 13-Jährigen übertrug, der in der Halloween-Nacht angeblich einen 18-Jährigen erschossen hat. Zudem findet man die schweizerische Aufgeregtheit befremdlich. Denn Amerika hat sich längst an den Anblick von gefesselten Kindern gewöhnt - schließlich werden jedes Jahr 2,8 Millionen Minderjährige verhaftet. Auch dass 106 000 von ihnen im Gefängnis - oft im Erwachsenengefängnis - landen, sorgt in einem Land, wo alle vier Minuten ein Kind ein Gewaltdelikt begeht, keineswegs für Entsetzen, sondern, im Gegenteil, für Befriedigung. Hier geht der Schutz der Gesellschaft eben über das Wohl des Täters. Hier sind junge Gesetzesbrecher, anders als in Europa, keine gefährdeten Wesen oder Verlierer. Hier sind sie die künftige Bedrohung, die tickende Zeitbombe, die späteren Monster.