Alle Menschen entwickeln Strategien, um sich Vorteile zu sichern. Schon Kinder erweisen sich als Meister im Durchsetzen ihrer Interessen, wie jeder weiß, der schon mal den Fehler gemacht hat, selbst ein Stück Kuchen für zwei Geschwister zu teilen. Jedes Kind wird quängeln, es sei zu kurz gekommen. Besser ist es, eines der beiden Kinder teilen zu lassen, das andere darf sich dann ein Stück aussuchen.

Der ungarische Mathematiker John von Neumann (1903-1957) und der österreichische Ökonom Oskar Morgenstern (1902-1977) legten in ihrem 1944 erschienenen Buch Spieltheorie und ökonomisches Verhalten die Grundlagen für die Theorie. Der Titel verdeckt, dass es sich um reine Mathematik handelt, deren Ergebnisse in sämtlichen Konfliktsituationen anwendbar sind. Zunächst interessierten sich hauptsächlich die Militärexperten für die Erkenntnisse, um die Dynamik des Kalten Krieges besser zu verstehen und das Gleichgewicht der Abschreckung zu erhalten. Die Ökonomen zogen nach.

Die beiden deutschsprachigen Wissenschaftler begegneten sich erstmals 1940 an der Universität Princeton südlich von New York, wohin der Naziterror sie verschlagen hatte. Sie begannen dort an einem Aufsatz zu arbeiten, der sich zu ihrem 600-Seiten-Werk auswuchs. Es war das erste Mal, dass es gelang, eine Theorie über interaktives Verhalten in ein Modell zu gießen. Und zwar prinzipiell in einer Weise, die bis heute Bestand hat. Die Mitspieler haben unterschiedliche Kenntnisse über die jeweilige Situation und die Möglichkeiten der anderen Beteiligten. Und diese Informationen können sehr wohl unvollständig sein, was die Sache dann erst recht kompliziert macht.

So sind die Lösungen für die optimale Strategie der Beteiligten und das Ergebnis ihrer Interaktion nur mittels schwieriger Mathematik zu ermitteln. Die Autoren empfehlen den Lesern denn auch schon im Vorwort, sich mit der Methode mathematischer Beweisführung anzufreunden.

Von Neumann und Morgenstern beschränken sich in ihrer Untersuchung auf eine Kategorie von Situationen: die so genannten Nullsummenspiele, in denen sich die Interessen der Spieler diametral gegenüberstehen. Was der eine gewinnt, verliert der andere - wie beim Aushandeln von Löhnen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern oder auch beim Handel mit Optionen an der Börse, bei dem die eine Seite auf steigende und die andere auf fallende Aktienkurse wettet.

Die ökonomischen Auswirkungen ihrer Überlegungen behandeln die Wissenschaftler nur am Rande. So wenden sie die Spieltheorie auf Märkte an, die von wenigen Anbietern beherrscht werden. In ihrer Einfachheit spiegelt dieses Modell die übersichtlich geordnete Wirtschaft der vierziger Jahre wider.

John Nash ließ die Grenze der Nullsummenspiele hinter sich und untersuchte auch Situationen, in denen die Beteiligten gemeinsam etwas gewinnen können. Anfang der fünfziger Jahre fand er das nach ihm benannte Gleichgewicht. Das Kriterium für die Lösung ist, dass kein Spieler einen Anreiz hat, von seiner einmal gewählten Strategie abzuweichen. Weil dies für alle Akteure gilt, bleibt der einmal eingeschlagene Verlauf stabil. Doch auch Nash griff auf von Neumann und Morgenstern zurück - beispielsweise auf die Idee, dass Spieler mit gemischten Strategien vorgehen. Dabei handeln sie mal so und mal so, und der andere weiß nicht, wann er auf die eine und wann er auf die andere Weise vorgeht. Der Zufall als Teil der Strategie, um den Gegner im Unklaren zu lassen - damit lässt sich manche Marktsituation erklären.

Harsanyi setzte sich besonders mit dem Problem der unvollständigen Information auseinander, wobei Spieler unterschiedliche Kenntnisse über Art, Ziel und Stand des Spiels haben können. Selten entwickelte nicht nur neue und eindeutige Lösungswege für schwierige Spiele. Er fragte sich auch, wie die Spiele ausgehen, wenn die Teilnehmer nicht so rational handeln, wie das immer angenommen worden war.

Bis in die neunziger Jahre ist die Spieltheorie für Ökonomen immer bedeutender geworden. Wer den Wettbewerb in Oligopolen untersucht, kommt ohne die Theorie nicht mehr aus. Aber selbst in der Analyse des Verhaltens von Zentralbanken oder Handelspolitikern kommt die Methode zu Ehren. Wann immer Entscheidungen von Akteuren sich gegenseitig beeinflussen, kann sie helfen. Freilich sind auch die Beschränkungen der Spieltheorie deutlich geworden. Die Modelle werden schnell so kompliziert, dass sie sich nicht mehr lösen lassen. Also ist man darauf angewiesen, vereinfachende Annahmen über das Verhalten der Teilnehmer zu machen. Wie diese Annahmen ausfallen, bestimmt aber in hohem Maß das Ergebnis des Spiels.

Und noch eine Einschränkung: Sosehr die Theorie auch hilft, strategische Situationen zu verstehen, bleiben Manager doch für ihr Handeln verantwortlich. Fertige Lösungen für Führungsprobleme lassen sich durch sie nämlich nicht errechnen. Mit Hilfe von Erfahrung und Intelligenz müssen Manager zunächst erkennen, was gespielt wird. Erst dann kann ihnen die Spieltheorie helfen, die richtige Strategie zu finden.

John von Neumann/Oskar Morgenstern: Spieltheorie und ökonomisches Verhalten; erschien 1990 als Nachdruck der dritten Auflage von 1953 bei der University Press