Keine historische Ausstellung hat die Republik so aufgewühlt wie die Dokumentation des Hamburger Instituts für Sozialforschung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Sie war begleitet von heftigen politischen Auseinandersetzungen, von gewaltsamen Demonstrationen Rechtsradikaler und - trauriger Höhepunkt - von einem Sprengstoffanschlag. Als sie nach 32 Stationen mit über 800 000 Besuchern im Sommer dieses Jahres nach Hamburg zurückkehrte, von wo sie 1995 ihren Ausgang genommen hatte, da schienen die Kontroversen der Vergangenheit anzugehören. Senat und Bürgerschaft (einschließlich der CDU) erteilten ihr gleichsam offizielle Weihen. Ein Verein mit einem prominent besetzten Kuratorium und einem wissenschaftlichen Beirat übernahm die Trägerschaft. Der Dauerkonflikt um die Wehrmachtsausstellung hatte, so konnte man meinen, schließlich zu einem guten Ende geführt.

Doch nun flammt neuer Streit auf. Auslöser sind drei Aufsätze in den Oktoberausgaben zweier geschichtswissenschaftlicher Zeitschriften. Darin wird den Ausstellungsmachern ein fahrlässiger Umgang vor allem mit den Bildquellen zum Vorwurf gemacht. Der polnische Historiker Bogdan Musial glaubt in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte nachweisen zu können, dass neun der 800 Fotos, die in dem Katalog der Ausstellung abgebildet sind, nicht Verbrechen der Wehrmacht, sondern des NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, dokumentieren. Bei weiteren 24 Fotos vermutet er falsche Zuordnungen, ohne dies aber im Detail zu belegen. In der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht unternimmt der ungarische Historiker Krisztián Ungváry eine "quantitative und qualitative Analyse" des Fotomaterials und kommt zu dem Ergebnis, dass nur zehn Prozent der Bilder eindeutig Taten der Wehrmacht zeigen. Im selben Heft bestätigt Dieter Schmidt-Neuhaus einen Befund Musials: Auf drei von vier Fotos, die im ukrainischen Tarnopol im Juli 1941 aufgenommen wurden, sind offenbar Mordopfer des NKWD und nicht der Wehrmacht zu sehen.

Solche schrillen Töne stehen in einem merkwürdigen Kontrast zur nüchternen Akribie, mit der Musial in seinem Aufsatz zu Werke geht. Seine Recherche erscheint gründlich und in ihren wesentlichen Ergebnissen stichhaltig. Krisztián Ungvárys Ausführungen sind im Ton polemisch, in der Sache weniger solide; in seinen statistischen Berechnungen macht er den Fehler, Verbrechen von Wehrmachtssoldaten, Polizisten, SS und SD sowie litauischen, lettischen und ukrainischen "Hilfswilligen" säuberlich auseinander zu dividieren, was in vielen Fällen aber nicht möglich ist.

Beiden jenseits des Eisernen Vorhangs aufgewachsenen Forschern ist gemeinsam: Sie sind nicht nur an den Untaten des Nationalsozialismus, sondern auch an denen des Stalinismus interessiert. Das verändert die Perspektive, relativiert sie aber nicht zwangsläufig. Weder Musial noch Ungváry sind Revisionisten, die man in eine rechte Ecke stellen könnte. Gleich zu Beginn stellt der polnische Historiker fest: "Dass die Wehrmacht an Verbrechen, besonders im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und auf dem Balkan, zum Teil massiv beteiligt war, ist mittlerweile hinreichend belegt, wenngleich auch noch längst nicht flächendeckend erforscht." Wie viel hier in der Tat noch zu entdecken ist, das hat die in diesem Herbst veröffentlichte große Studie von Christian Gerlach über die deutsche Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944 demonstriert - erschienen in der Hamburger Edition, dem Verlag des Instituts für Sozialforschung.

Die Tücken des Materials wurden unterschätzt

Nicht um die Wehrmachtsverbrechen als solche kann es also in dem neuen Streit gehen. Das Problem reduziert sich vielmehr auf die Frage: Haben die Mitarbeiter des Hamburger Instituts bei der Auswahl und Präsentation des Bildmaterials ihre Sorgfaltspflicht verletzt, womöglich, wie Musial unterstellt, um eine vorgefasste Meinung zu bestätigen? Hannes Heer, der Leiter der Ausstellung, bestreitet dies vehement. Man habe auf der Basis des damaligen Kenntnisstandes die handwerklichen Regeln strikt beachtet. So habe man, wie es allgemein üblich sei, die Bildlegenden der Archive übernommen, aus denen man die Fotos für die Ausstellung zusammengetragen habe.

Doch damit fängt das Problem schon an. Die Bilder wurden nicht selten mit unzureichenden oder falschen Legenden versehen. Das zeigen zum Beispiel die erwähnten Fotos aus Tarnopol. Sie waren im Wiener Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands unter der Legende "Ermordete Juden in Tarnopol 1941" abgelegt worden. Zweifel, ob es damit seine Richtigkeit habe, sind den Forschern in Hamburg nicht gekommen. Dabei hätte ihnen - wie Dieter Schmidt-Neuhaus bemerkt - die Tatsache, dass einige vor den Leichen stehende deutsche Soldaten sich Taschentücher vor die Nase halten, ein Fingerzeig sein können, dass der Mord offenbar einige Tage vor den Aufnahmen erfolgt war, es sich mithin nicht um Opfer der gerade eingerückten Deutschen handeln konnte. Für solche kriminalistischen Details, räumt Hannes Heer ein, sei man am Anfang noch nicht genügend sensibilisiert gewesen.