War ja doch irgendwie nett. Außerdem ist jetzt Frühstück", sagt der Stasimann beim Observieren im Auto und packt seine Stulle aus. Im Fernsehen schwenkt Dagmar Frederic zum Schlager die Hüften, und der Sandmann streut heitere Töne in die müden Ohren der Kinder. Eine Welt wie im Bilderbuch. Selbst die Filme scheinen aus Plaste und Elaste gefertigt statt wie sonst üblich aus Zelluloid. Warum auch nicht? Das Kino war sich zum Lügen noch nie zu schade.

Jedenfalls steht die populäre Version der Berliner Sonnenallee derzeit als Kulisse in Babelsberg. Eine DDR aus Sekundärrohstoffen, hundert Prozent Kopie. Das kürzere Ende der Straße, die durch den antifaschistischen Schutzwall zwischen Treptow und Neukölln geteilt war, lag früher wenig beachtet im Osten. Nun erscheint es als Fake, aus Pappmauer und Blendfassaden recycelt. Die Fälschung triumphiert über das Original. Der Osten als Puppenstube: verstellter Horizont, vernagelter Blick.

Zehn Jahre nach ihrem Ende führt die DDR ein zweites Leben als Kultobjekt. Mit seinem Erfolgsroman Helden wie wir hat Thomas Brussig keinen geringen Anteil daran. Nun gibt es den Film zum Theaterstück zum Buch (Regie: Sebastian Peterson), dazu einen zweiten Brussig-Roman, eben den von der Sonnenallee, und auch davon eine Kino-Version (Regie: Leander Haußmann). In beiden Brussig-Verfilmungen erzählt die DDR sich gleichsam selbst. Zu besichtigen sind zwei Märchen im versöhnlichen Tonfall der Ostalgie, mit spöttischen Dissonanzen gewürzt. Auf dass der bittersüße Nachgeschmack jener frommen Lüge zurückbleibe, der zufolge vier Jahrzehnte Sozialismus doch recht glimpflich verlaufen sind.

Seit Go, Trabi, go taugt die DDR im Kino bloß zur Komödie; die anderen Genres - Lovestory, politische Fabel, Melodram, Farce oder Thriller - sind gefloppt oder lassen auf sich warten, bis heute. Stattdessen nun also Tod und Verklärung. Sonnenallee kam Anfang Oktober in die Kinos, pünktlich zum 50. Geburtstag des Arbeiter- und Bauernstaates; Helden wie wir hat zum Jubiläum des Mauerfalls am 9. November Premiere. Der Osten ist Kult - jetzt auch im Kino.

"Die Ehe war furchtbar, aber die Liebesbriefe hebt man trotzdem auf", beschreibt Thomas Brussig seine Beziehung zur Ex-DDR. Es muss eine frühe Liebe gewesen sein, denn seine Protagonisten sind unerwachsene Menschen, die wie alle unerwachsenen Menschen an Mickrigkeit und Größenwahn leiden. Schließlich geht es um ein Land, in dem recht eigentlich niemand mündig werden durfte. Was blieb dem Bürger da anderes übrig als die ewige Jugend?

Wer pubertiert, schmort im eigenen Saft, atmet den heimischen Mief und wittert darin den Duft der weiten Welt: zwei Filme, zwei Adoleszenzen. Micha (Alexander Scheer) und seine Freunde von der Sonnenallee sind mit Schule und Musterung, erster Liebe, Partys, Drogen und der klandestinen Beschaffung original verschweißter LPs von den Stones beschäftigt - wie fast alle Jugendlichen in den siebziger Jahren. Klein Klaus (mit 10: Adrian Heidenreich, mit 20: Daniel Borgwardt), der Held von Helden wie wir , sieht sich vom sanften Terror der häuslichen Einheit Papamamakind in Schach gehalten, versagt beim Weitpinkeln im Ferienlager und hat das diffuse Gefühl, dass ringsherum alle Bescheid wissen außer ihm selbst. Wer je minderjährig war, kennt dieses Gefühl genau.

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In Sonnenallee ist es die Rockmusik, welche die Mauer zu Fall bringt. In Helden wie wir wird sie von Klaus Uhltzscht "umgeschmissen", genauer: von seinem krankhaft vergrößerten Penis. So geht das mit 17, wenn man noch Träume hat. Der geheilte Pimmel heißt, frei nach Christa Wolf, das letzte Kapitel von Brussigs Roman. Und über der Schultafel in der Sonnenallee prangt die Parole von der Partei als der Vorhaut der Arbeiterklasse. So was finden Jungs in der Zeit des ersten Bartwuchses zum Grölen komisch. Nur leider lässt die Wiedergeburt der DDR aus dem Geiste des Kalauers die Geburtshelfer ziemlich alt aussehen. Ewige Jugend, immer noch.