Seit Mitte Oktober zeigt die ARD eine zwölfteilige Verfilmung der Tagebücher Victor Klemperers von 1933 bis 1945, die von der Kritik vorab in höchsten Tönen gelobt wurde. Klemperer - Ein Leben in Deutschland werde "in die Fernsehgeschichte eingehen", schrieb die FAZ , und der Rezensent des Spiegels stellte fest, die Bilder und Szenen der Serie seien "aus Klemperers Geist".

Nach Ausstrahlung der ersten sechs Klemperer -Folgen erscheint dieser Jubel als Fehlurteil. Die Episoden, die der Drehbuchautor Peter Steinbach "nach Motiven" von Klemperer geschrieben hat, sind nicht nur nicht aus Victor Klemperers Geist, sie verstoßen in flagranter Weise gegen den Sinn und das Pathos der Tagebücher. Jenes "Zeugnis", das der deutsche Jude Klemperer von seiner Not ablegen wollte "bis zum letzten", wird bei Steinbach zur bloßen Teilansicht in einem bunten Bilderbogen aus Naziland. Indem er die Perspektive des allwissenden Erzählers einnimmt, betrügt uns Steinbach um die individuelle Wahrheit, die Stimme und den Blick des Tagebuchschreibers Klemperer. Diese Popularisierung wird zur Infamie, wenn Steinbach Klemperers Leben ausschmückt, um es genießbarer zu machen, etwa durch die Affäre des Professors mit einer blonden Exstudentin. Mit dem Druck der Quote sind solche Entstellungen nicht mehr zu rechtfertigen. Sie degradieren ein einzigartiges Dokument des Überlebens unter der Barbarei zu einem weiteren Kapitel in der langen Geschichte des Schunds.

Was folgt daraus für die filmische Beschäftigung der Deutschen mit dem Holocaust? Nichts. Klemperer - Ein Leben in Deutschland ist kein Beweisstück. Diese Serie legt kein Zeugnis ab. Sie ist einfach nur schlecht.