Richard Gaul, Chef der Öffentlichkeitsarbeit von BMW, versetzt seine Zuhörer in Erstaunen: "Wir unterstützen diese Schule, weil wir weniger angepasste Mitarbeiter haben wollen." Mit "dieser Schule" ist die Ferdinand-Freiligrath-Hauptschule in Berlin-Kreuzberg gemeint. Und an ihre Adresse hat BMW in den vergangenen Jahren mehrere hunderttausend Mark überwiesen. Ein Wirtschaftsriese investiert in eine Berliner Hauptschule? Man glaubt, sich verhört zu haben. Aber da legt Richard Gaul schon nach: "Unsere Mitarbeiter sind die wirkliche Ressource, alles andere ist Blech, Beton und tote Materie." Ohne die Schecks aus München würde es eine der interessantesten Neuerungen in Deutschland nicht geben. BMW gibt Geld, damit an der Freiligrath-Schule Schriftsteller, Bildhauer und Handwerker die Schüler wieder fürs Lernen begeistern. "Die Dritten", so werden diese ungewöhnlichen Lehrer genannt, sollen das ausgeschlossene Dritte zurück an die Schule bringen, "und das Dritte, das ist das Leben", sagt der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, der das Projekt begleitet und auswertet. Das Geld für diese Evaluation macht ebenfalls BMW locker.

Die Grundidee: Ganz normale Berufs- und Lebensexperten werden in die Schule geholt, und zwar nicht nur ausnahmsweise. Schüler lernen auch außerhalb des Klassenzimmers, das wird fester Bestandteil des Unterrichts. Lehrer sind nicht länger Monopolisten der Belehrung, sie werden Regisseure von Lernprozessen und Manager eines vielfältigen Unternehmens Schule. Hier wird nicht im ewigen Konjunktiv der Reformdebatte immer schöner und wirkungsloser reformuliert, sondern mithilfe eines der größten Unternehmen gehandelt. Ein Konzern verbündet sich mit diesem Treibhaus der Zukunft, weil er "weniger angepasste Mitarbeiter haben" will. Das war in Deutschland bis vor wenigen Jahren noch undenkbar.

Und revolutionär ist der Vorgang auch heute noch, denn in der Ferdinand-Freiligrath-Schule wird Hand angelegt an den Kern der alten deutschen Lehranstalt. "Auch wenn es enttäuschend klingt", sagt Lenzen, neuerdings Vizepräsident der Freien Universität Berlin, "die Aktivität des Lehrers ist für den Lernprozess relativ unwichtig, sie ist nur ein Teil der Umwelt des Lernenden. Lernen ist eine Aktivität des Lerners. Man kann niemanden belehren." Also kommt es darauf an, spannende Lernwelten zu schaffen und begeisterte Menschen als Botschafter aus der tätigen Welt in Schulen zu holen. Diesen Gedanken will der Münchner Autokonzern nun verbreiten und mit empirischer Forschung überprüfen lassen. Am 16. November kommen in München Ausbilder und Schulleute aus allen bayerischen BMW-Standorten zusammen, um gemeinsam mit Hildburg Kagerer, der couragierten Leiterin der Freiligrath-Schule, mit Dieter Lenzen und mit der BMW-Spitze auch andernorts ein zunächst auf vier Jahre ausgelegtes Modellprogramm zu starten: KidS, Kreativität in die Schule, ursprünglich eine Berliner Erfindung.

Das Experiment von Kreuzberg ist jetzt zehn Jahre alt. Damals war die Freiligrath-Schule am Ende. Eingeschlagene Fensterscheiben wurden nicht mehr ersetzt. Selbst der Nichtangriffspakt zwischen Schülern und Lehrern war aufgekündigt. Die Lehrerin und Psychotherapeutin Hildburg Kagerer empfand die Schule als "nekrophile Veranstaltung". Zu ihr kamen Kinder, die von sich selbst sagten: "Ich bin nur Hauptschüler", "ich bin nur Türke" oder "ich bin nur Polacke". "Immer dieses Nur", erinnert sie sich. Einer sagte: "In mir ist nur Scheiße."

Meißeln am Marmor macht Schulrabauken ganz zahm

Dann machte Hildburg Kagerer eine Erfahrung, die sie ihr "Initiationserlebnis" nennt. Sie besuchte mit Schülern den türkischen Bildhauer Mehmet Aksoy. Langsam entstand ein Gespräch mit dem Künstler. Er erzählte, wie er seine Krisen in Kunst verwandle. Die Schüler konnten davon nicht genug hören. "Sie brauchen nicht noch 'ne Therapie", sagte sich Hildburg Kagerer, "sie brauchen authentische Erwachsene."

So entstand der Plan, Dritte an die Schule zu holen. 1990 gründete sie an ihrer Schule die Initiative KidS. Seitdem kommt zum Beispiel an einem Tag in der Woche der Bildhauer Robert Schmidt-Matt in die Schule, und dieselben Schüler, die sonst mit aller Kraft den Unterricht torpedieren, scheinen sich mit dem Meißel in der Hand in andere Menschen zu verwandeln. Die notorischen Schulsaboteure, die sich kaum länger als ein paar Sekunden konzentrieren können, arbeiten ausdauernd und mit Hingabe am Marmor. Ein türkischer Regisseur spielt mit Schülern Theater, die im Unterricht keinen Satz behalten können. Bei ihm aber lernen sie Rollen auswendig und schreiben sogar eigene Stücke. Und wenn der ehemalige Nationaltrainer der polnischen Turner, Andrzej Patla, zum Akrobatikkurs kommt, steht die Schule buchstäblich Kopf. Nach seinem Training sind auch die größten Quertreiber handzahm und haben viel auf einmal gelernt: Aggressionsabbau, Körperbeherrschung und Teamarbeit.