Grummeln statt Begeisterung

es läuft nicht mehr richtig, es geht grad noch. Der Lappen schleift hoch im Staats- und im Stadttheater (im "Resi" wie an den Kammerspielen), das Publikum kommt nach wie vor, die Platzauslastung - so heißt das mit Recht - ist vorzüglich, das Bier und der Wein hernach kühl. München leuchtet in mattem Wohlgefühl.

Jedoch die Atemgeräusche, kein Zweifel, sind in letzter Zeit quer durch die Zuschauerreihen immer ruhiger geworden, die Köpfe kippen zielstrebig nach hinten oder sinken vornüber, Morpheus entgegen. Auf den Bühnen strampeln sie sich derweil ab in Künsten, tragieren Klassisches, fummeln im Zeitgenössischen herum. Ja doch, so geht's an sich schon, aber es muss nicht sein. Seit vielen Monaten keine Aufführung, die man unbedingt gesehen haben muss, die Empörung oder Begeisterung stiften konnte, uns weiterbrachte in Herz oder Hirn. Immer steht man am Ende bloß auf, sagt: das war nun dies, wer geht noch mit, einen trinken?

"Seit vielen Monaten" - das bedeutet in den Kammerspielen freilich nur ein, zwei Neuaufführungen, weil sie dort seit Jahren überaus sparsam im Einsatz ihrer gewiss kostbaren Mittel sind und in jeder Premiere ein Weltwunder versuchen, während sie gebannt dem Anwachsen ihrer gewaltigen Dependance gleich neben dem Mutterhaus zuschauen, wo Probenbühnen, Werkraum und Schauspielschule aufs feinste beherbergt sein werden im äußerlich schon fast fertigen Bau. Dann wird, nach einem Vierteljahrhundert Dieter Dorn, pünktlich zum architektonischen Neubeginn ein Neuer auch künstlerisch das Sagen haben: Besser ließe sich ein Anfang kaum terminieren. Bis dahin - das muss man dem von dieser nach zwei Dutzend Jahren nicht mehr vermuteten Änderung ganz unbegreiflich verwirrten Intendanten zugute halten - will Dorn die im dornröschenhaften Schönheitsschlaf dämmernden Kammerspiele ein wenig kitzeln lassen von Jüngeren, damit, wenn Frank Baumbauer zum Wachküssen antritt, hinter der Hecke noch irgendwas lebt.

Nun durfte der junge Jan Bosse Goethes Torquato Tasso inszenieren, 17 Jahre nachdem Ernst Wendt ihn am gleichen Hause von Markus Boysen nachtschwarz deklamieren ließ. Und diesmal kommt er uns ganz hell und tagheiter daher mit Hoppeldipoppel und Killekille. Im Lustschloss Belriguardo geht's munter zu, sonnendurchflutet und trittweich, ockergelb der Teppichboden, der, aus dicht gefügten Bürstenborsten gefertigt, sich manchmal auftut und Streitende oder Liebesfliehende einfach schluckt, bis sie ihre Köpfchen wieder in die Höh' herausstrecken. Hinten rohes Mauerwerk, in einer Galerie davor fünf Türdurchgänge

ein freier Vorplatz also für das freie Wort (Bühne: Stéphane Laimé). Hier turteln zwei reizende Fräuleins durch den Sommer, beide heißen Leonore, und natürlich ist ihnen fad, weshalb sie den offenbar genialen Jungdichter und Gast des Hauses, Tasso, umschwänzeln.

Zwar haben beide Leonoren anfangs gleiche Seidenkleider in Altrosa, gleiche schwarze Eisenherzfrisuren wie auf einem Debütantenball der wilden zwanziger Jahre, auch schäkern sie ländlich-sittlich miteinander und mit Dichterbüsten, wobei das kesse Fräulein Sanvitale Ariosts abgeschlagene Nase mit einer Plastillinwurst beknetet, die, kaum aus heißer Hand entlassen, phallisch erschlafft