Er war ein stiller, bescheidener und freundlicher Mann. Nirgendwo war vorgezeichnet, dass sein Lebensweg sich von der Routine eines schwäbischen Landpfarrers entfernen sollte. Er war, wie fast alle seine Brüder im Amt, von der nationalen Gesinnung der Epoche geprägt. Er hatte, damals noch blutjung, im Ersten Weltkrieg gedient, war verwundet worden und in englische Gefangenschaft geraten. Er begrüßte die Korrekturen des Friedens von Versailles. Mit der neuen Ordnung, die mit dem "Dritten Reich" in Deutschland Einzug hielt, war er wohl alles in allem zufrieden: Die Arbeitslosen verschwanden von der Straße, und es herrschte ein neuer Geist der Gemeinschaft - hätte das Regime nur darauf verzichtet, durch die Formation der so genannten Deutschen Christen unter dem "Reichsbischof Müller" einen Kampf mit den Kirchen heraufzubeschwören, gegen den sich die Bekennende Kirche zur Wehr setzte. Ihr fühlte er sich von Anfang an zugehörig. Der Pastor Niemöller, der "als der persönliche Gefangene des Führers" ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde, war sein Mann.

Damals amtierte Julius von Jan noch in Bretten, einem Dorf im Kochertal, wo er, wie er später bezeugte, der Gestapo bereits ein "Dorn im Auge" war. Nach der Übersiedlung an die Schwäbische Alb, wo sie sich dem Neckartal zuneigt, "tat er freudig seinen Dienst", wie er später schrieb: "als Zeuge Jesu Christi mitten und im Gegensatz zu der Welt, die in Hitler den deutschen Heiland sah".

Das Leben in dem Dorf Oberlenningen ging seinen Gang. Die Bauern säten und brachten ihre Ernten ein, und die Arbeiter in der Papierfabrik hatten ihr Auskommen. Die Besitzerfamilie, die sich freilich nicht zu oft in der Kirche blicken ließ, begegnete dem Pfarrer, wie es von jeher der Brauch war, mit Wohlwollen.

Er war kein mitreißender Kanzel-Redner, der Pfarrer von Jan. Seine Studien in den idyllischen Seminaren der Klöster Maulbronn und Blaubeuren und - nach dem Krieg - im Tübinger Stift, diesen Gewächshäusern schwäbischen Genies, hatte er brav und mit mittleren Erfolgen passiert: Jahre, von denen er selbst schrieb, dass sie von "Freundschaft und edler Begeisterung" erfüllt waren. Er war ein guter Seelsorger. Seine Gemeinde war ihm wohlgesinnt.

Nein, nirgendwo war vorbedeutet, dass es eines Tages an ihm war, vor die Gemeinde zu treten, um ihr die ganze bittere Wahrheit über den Terror zu sagen, der in der so genannten Reichskristallnacht des 9. November 1938 durch Deutschland tobte.

Das Dorf Oberlenningen war nicht betroffen. Auch die nahen Kreisstädte Nürtingen und Kirchheim unter Teck erlebten keine Pogrome. Aber Julius von Jan wusste genau genug, was im Lande vor sich gegangen war. Das Nachrichtennetz der Bekennenden Kirche funktionierte. In der knappen Woche bis zum Buß- und Bettag der evangelischen Kirchen in Deutschland beriet er lange mit seinem Freund, dem Pfarrer Otto Mörike, der mehr als einmal mit dem Regime in Konflikt geraten war. Er bereitete den Text seiner Predigt vor, die unter dem Wort des Propheten Jeremia "O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort" stehen sollte.

Die Sätze, die er aufschrieb, wurden ihm nicht leicht. Es mögen ihn manche Zweifel angefochten haben, ob es an ihm sei, dem kleinen Landpfarrer, das Volk zur Buße zu rufen. Die Zweifel mögen ihn bis in die Sakristei begleitet haben, wo er sich - mit seiner Frau, seinem Freunde Mörike und einem treuen Mann der Gemeinde - auf den Gottesdienst zu sammeln versuchte. Es hatte sich wohl im Dorfe herumgesprochen, dass der Pfarrer eine besondere Predigt halten würde. Die Kirchenbänke waren bis zum letzten Platz besetzt. Man sagte später, der Pfarrer sei totenbleich gewesen, als er vor die Gemeinde trat. Doch als er auf die Kanzel stieg, war seine Stimme fest und klar.

Es wurde an jenem Bußtag dieses und jenes in Andeutungen gesagt auf den evangelischen Kanzeln in Deutschland. Doch die Kirche als Ganzes blieb stumm. Kein Protest. Kein Hirtenwort der Bischöfe. Im Lenninger Tal am Fuße der Schwäbischen Alb aber stellte sich ein schlichter Pfarrer der Wahrheit, und er prophezeite: "Wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen über Deutschland herbeiziehen muß. Denn es steht geschrieben: Irret Euch nicht! Gott läßt seiner nicht spotten." Schließlich rief er: "Es ist herausgesprochen vor Gott und in Gottes Namen. Nun mag die Welt mit uns tun, was sie will."

Dies hieß klar genug, dass Julius von Jan auf die Rache des Regimes vorbereitet war.

Neun Tage später fand er das Pfarrhaus mit Plakaten beklebt, die ihn als "Judenknecht" schmähten. Als er droben in Schopfloch, einem benachbarten Dorf, Bibelstunde hielt, wurde er von SA-Männern in Zivil mit dem Auto abgeholt. Man fuhr ihn nach Oberlenningen zurück, wo sich um das Pfarrhaus einige hundert SA-Leute zusammengerottet hatten, die aus der Kreisstadt Nürtingen und aus Kirchheim/Teck mit Lastwagen herangekarrt worden waren. Gesichter aus dem Dorf sah Pfarrer von Jan nicht.

Die Männer brüllten "Volksverräter" und "Judenknecht". Sie schlugen ihm ins Gesicht. Er wankte. Einer der Häscher griff ihn an der Krawatte und würgte ihn. Sein Rock zerriss. Er wurde gestoßen. Man spie ihn an. Man schlug ihn mit Stöcken. Mit Stahlruten. Blut lief über sein Gesicht. Schreie: "Schlagt ihn tot, den Judenknecht! Hängt ihn auf, den Volksverräter!" Er betete: "Herr, bleibe bei mir."

Endlich drängte sich der Dorfpolizist durch die Menge. "Aufhören!", rief er. "Jetzt ist es genug." Man schob den halb bewusstlosen Pfarrer auf das Dach des nahen Geräteschuppens, auf den die Kirche und das Pfarrhaus herabschauten. Seine Beine baumelten über den Rand des kleinen Blechdaches. Man schlug ihn auf die Schienbeine. Durch den Schmerz schien Jan wieder zu Bewusstsein zu kommen. Man rief nach einem Arzt. Von Jan wurde vom Dach gehoben. Halb geschleppt, halb aus eigener Kraft gelangte er zum Rathaus. Man legte ihn auf eine Reihe von Stühlen. Ein Arzt, der sich unter der SA-Meute befand, hörte ihn flüchtig ab. Dann befahl er ihm aufzustehen. Der Pfarrer erhob sich langsam. Als er auf den Beinen stand, schlug ihm einer der Männer ins Gesicht: "Das ist für die geheuchelte Ohnmacht." Dann trat er ans Fenster und schrie hinaus: "Der Pfaffe stirbt nicht. Das Schwein hat sich nur verstellt." Schließlich trafen zwei Polizisten ein, die den Pfarrer in Schutzhaft nahmen. Man wischte ihm das Blut aus dem Gesicht. Dann wurde er ins Gefängnis von Kirchheim gefahren. Dort lag er lange Monate.

Man sagte, im Dorf habe nach der Pogromnacht eine bleierne Stille geherrscht. Aber eines Morgens sammelten sich einige Frauen und selbst ein paar Männer, um vor das Gefängnis in Kirchheim zu ziehen. Sie wollten dem Pfarrer Choräle singen, um seine Seele zu stärken: ein seltenes Zeichen der Solidarität in jenen Tagen. Sie wurden auseinander getrieben und nach Hause geschickt.

Den Pfarrer aber überführte man ins Gefängnis von Stuttgart, wo ihn Kundgebungen der Sympathie nicht erreichen konnten. Es gibt keinen Zweifel, dass ihn die lange Untersuchungshaft davor bewahrte, in ein Konzentrationslager eingewiesen zu werden. Die Kirchenleitung übte Vorsicht. Es gab den Versuch, ihn zu einem teilweisen Widerruf seiner Predigt zu überreden. Von Jan widerstand. Es kann auch nicht verschwiegen werden, dass ein Viertel seines Gehaltes einbehalten wurde, da er an der Ausübung seines Dienstes verhindert war - ein Bescheid, von dem der zuständige Beamte taktvoll verfügte, er möge der Frau Pfarrer von Jan, aus Gründen der Schonung, erst nach dem Weihnachtsfest mitgeteilt werden.

Mitte April 1939 erging ein merkwürdiger Beschluss: Julius von Jan wurde aus dem Land Württemberg und Hohenzollern ausgewiesen. Die bayerische Landeskirche bot ihm Zuflucht. Er predigte in Ortenburg bei Passau - bis er bei einer Sondergerichtsverhandlung in Stuttgart am 15. November 1939, genau zweieinhalb Monate nach Kriegsbeginn, zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Den Vorsitz führte der Senatspräsident Cuhorst, ein harter, deutschnational geprägter Richter. Jan verteidigte sich tapfer: Er habe lediglich versucht, nach den Zehn Geboten zu handeln.

Fünf Monate der Strafhaft - die ihn wiederum vor dem KZ bewahrte - saß Jan im Gefängnis in Landsberg am Lech ab, wo einst Adolf Hitler seine Festungshaft unter komfortablen Umständen verbüßt und sein Bekenntnisbuch Mein Kampf diktiert hatte. Dann wurde er vorzeitig entlassen, konnte drei Jahre Diaspora-Pfarreien in Bayern versehen, bis er im Juni 1943 - degradiert - zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er überstand seine Einsätze an der Ostfront, in Ungarn und der Steiermark, wurde von den Amerikanern rasch aus der Gefangenschaft entlassen und kehrte im September 1945 zu seiner Heimatgemeinde Oberlenningen zurück. Im Juli 1949 wurde er in die zerstörte Gemeinde Stuttgart-Zuffenhausen versetzt, baute die Kirche wieder auf, erlitt - die Folge der Haft und des Krieges - eine Nierenembolie und einen Herzkollaps, ließ sich in der alten Herrnhuther Brüder-Gemeinde Korntal im Ruhestand nieder und starb im Jahre 1964, 67 Jahre alt.

Der Kreisleiter von Nürtingen, der den Pogrom gegen den Pfarrer von Jan inszeniert hatte, ein gelernter Schulmeister, konnte später in seinen Beruf zurückkehren. Vom württembergischen Landesbischof Theophil Wurm aber wird gesagt, er habe bis zum Ende seiner Tage bitter darunter gelitten, dass er - anders als der tapfere Pfarrer von Jan in Oberlenningen - zum Terror der Reichsbrandnacht geschwiegen hatte.