Wenn Millionen unverschuldet arbeitslos sind, so ist es ein deutliches Zeichen dafür, daß der Wirtschaftsprozeß unzureichend gelenkt ist." Dieser Satz des deutschen Ökonomen Walter Eucken (1891 bis 1950) ist doppeldeutig. Er meint nicht zu wenig, sondern grundlegend falsche Lenkung. Kein Wissenschaftler hat die Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik so stark geprägt wie Eucken. Die von ihm begründete ordoliberale Freiburger Schule lieferte die Grundprinzipen für die soziale Marktwirtschaft. In den erst nach seinem Tod veröffentlichten Grundsätzen der Wirtschaftspolitik wies er der Politik ihre Rolle zu: Sie soll für die Wirtschaft den stabilen Ordnungsrahmen schaffen, aber nicht willkürlich in den marktwirtschaftlichen Prozess eingreifen.

Von der Politik erwartete er, dass sie einerseits eine optimale Entfaltung der produktiven Kräfte und andererseits eine bestmögliche Versorgung mit Konsumgütern gewährleiste. Anspruchsvolle Aufgaben, wie er mit seiner Analyse der historischen Lösungsversuche - Plan- und Marktwirtschaft - deutlich machte. Die zentrale Verwaltungswirtschaft habe zwar Vollbeschäftigung erreicht, jedoch um den Preis einer deutlich schlechteren Versorgung der Bevölkerung. Umgekehrt habe sich die ungelenkte Marktwirtschaft als sehr produktiv erwiesen, aber zu Instabilität und Massenarbeitslosigkeit geführt.

Nichts fürchtete Eucken mehr als Machtkonzentrationen in der Wirtschaft: "Ein tiefer Trieb zur Beseitigung von Konkurrenz und zur Erwerbung von Monopolstellungen ist überall und zu allen Zeiten lebendig." Monopolisten hätten einen Anreiz, das Angebot künstlich zu verknappen, indem sie Vorräte zurückhielten. Für sie steige damit die Rendite, für den Nachfrager dagegen der Preis.

Wo Konkurrenten, so Eucken, einen Unternehmer nicht zur Rationalisierung zwingen, unterbleiben entweder notwendige Investitionen, oder es wird Kapital für unnötige Anschaffungen verschwendet. Spätestens wenn bei Monopolkämpfen ein Verdrängungswettbewerb den Leistungswettbewerb ersetzt hat, müsse der Staat einschreiten.

Eucken stellte einen konkreten Anforderungskatalog für eine funktionierende Wettbewerbsordnung auf. Er unterschied Prinzipien, die zu deren Aufbau und solche, die später zur Erhaltung notwendig sind. Voraussetzung einer jeden Wettbewerbsordnung sei ein funktionsfähiges Preissystem. Leitbild war für ihn die "vollständige Konkurrenz". Dieses Modell galt damals eigentlich schon als überholt, und mancher Kritiker warf ihm vor, seine Vorstellung vom Wettbewerb sei naiv.

Wirtschaftspolitische Eingriffe in den Mechanismus, etwa staatliche Subventionen, Preisstopps, Mindest- oder Höchstpreise, sind nach Euckens Vorstellung fehl am Platz. Notwendig sei ein stabiler Geldwert, ohne den selbst unbeeinflusste Preise nicht mehr aussagekräftig seien, schrieb der Wissenschaftler. Realistische Preise könnten sich nur auf offenen Märkten bilden. Deshalb hielt er es für unzulässig, Konkurrenten durch Exklusivverträge, Sonderrabatte und Kampfpreise zu behindern. Dieser Gefahr müsse der Staat entgegenwirken, indem er Gewerbefreiheit, Dienstleistungsfreiheit und Freizügigkeit sichert.

Wettbewerb finde nur statt, wenn die Teilnehmer über ihr Eigentum an Produktionsmitteln frei verfügen könnten. Allerdings dürfe ein Eigentümer diese Freiheit nicht zulasten der Allgemeinheit ausüben. Genauso unentbehrlich für einzelwirtschaftliche Entscheidungen sei die Vertragsfreiheit, also die freie Entscheidung darüber, mit wem und über was ein Vertrag geschlossen wird. Aber auch diese Freiheit dürfe nicht dazu missbraucht werden, die Prinzipien der Wettbewerbsordnung aufzuheben.

Allen Beteiligten wollte Eucken aber nicht nur Freiheitsrechte sichern, er sprach sich auch dafür aus, dass sie für die Folgen ihres Handelns haften. Besonders kritisch sah er die Interessenvertretung durch anonyme Großverbände. So sollten nach seiner Meinung beispielsweise die Tarifparteien für Störungen des Arbeitsmarktes, die aus zu hohen Lohnabschlüssen resultieren, verantwortlich gemacht werden.

Weil Unternehmer langfristige Investitionsentscheidungen auf der Basis unsicherer Schätzungen fällen müssten, verlangte Eucken zumindest eine Konstanz in der Wirtschaftspolitik. "Die nervöse Unrast, die oft heute verwirft, was gestern galt, schafft ein großes Maß von Unsicherheit ... und verhindert viele Investitionen." Eucken bezeichnet diese Zurückhaltung der Unternehmen als ernstes Problem, denn aus "mangelnder Investition entstehen Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit".

Da auch ein funktionierendes System zur Machtkonzentration neigt, hielt Eucken eine Monopolkontrolle für nötig, um die Wettbewerbsordnung zu sichern. Ein vom Wirtschaftsministerium unabhängiges Amt solle entweder Monopole auflösen oder zumindest überwachen. Ziel der Aufsicht sei es, die Träger wirtschaftlicher Macht zu "wettbewerbsanalogem Verhalten" zu bewegen. Die Preise sollten so festgelegt werden, als ob sie durch Wettbewerb zustande gekommen wären. Wie dieser Preis ohne funktionierenden Markt gefunden werden kann, blieb bei Eucken unklar. Trotzdem hat gerade das Konzept des Als-ob-Wettbewerbs Einzug in das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen gehalten.

Auf dem Arbeitsmarkt bringt nach Meinung Euckens insbesondere ein Nachfragemonopol sozialpolitisch unerwünschte Ergebnisse hervor. Ein großer Arbeitgeber in einer Region könne den Lohn beliebig drücken. Die Folge: Je geringer der Lohn, desto mehr Familienmitglieder müssen arbeiten, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Plötzlich suchen bei sinkendem Lohn mehr statt - wie auf normalen Märkten - weniger Nachfrager nach Arbeit. Um eine Unterbietungsspirale zu vermeiden, müsste in einem solchen Fall ausnahmsweise ein Minimalpreis festgesetzt werden.

Ein weiterer Schwachpunkt der Wettbewerbsordnung ist nach Euckens Auffassung die Wirtschaftsrechnung. Dort seien nicht alle wirtschaftlich relevanten Fakten erfasst, bemängelt er.

Es fehlten die so genannten externen Kosten, also Kosten, die nicht im Betrieb des Verursachers entstehen und deshalb nicht in dessen Kostenrechnung eingehen. Dieses Problem sah er zum Beispiel bei Umweltschäden, obwohl es diesen Begriff damals noch nicht gab. Aber er nannte als Beispiele "die Zerstörung von Wäldern in Amerika, die den Boden und das Klima weiter Gebiete verschlechterte", und auch "die gesundheitlichen Schäden, die durch chemische Fabriken und deren Abwässer in vielen Fällen hervorgerufen wurden". In "solchen exakt feststellbaren Fällen" sei durch Verbote die "Planungsfreiheit der Betriebe zu begrenzen". Er hielt es für nötig, "durch Regelungen der Frauen- und Kinderarbeit, Bestimmungen über die Länge der Arbeitszeit, Schutz gegen Unfälle und durch Gewerbeinspektion einen Schutz der Arbeiter durchzuführen".

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Walter Eucken:Grundsätze der Wirtschaftspolitik Verlag J.C.B. Mohr, Tübingen 1990; 6. Auflage, 398 S., 29,80 DM