Dieser Mann ist Millionär: Schwarzes Jackett, weißes Hemd, gelbe Krawatte mit roten und rosa Tulpen darauf. Dunkle kurze Haare, Knopfaugen. Professor Tim Lueth ist 33 Jahre alt, und manchmal schaut er so verschmitzt wie Heinz Rühmann einst in der Feuerzangenbowle - als wüsste er allein, dass der richtige Professor erst noch kommt.

Es gibt nur einen Lueth, und das ist er, der Millionär. Vor ein paar Wochen bekam er ein Telegramm, in dem stand, dass er der Auserwählte für den diesjährigen Forschungsförderpreis der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen ist. Lueth weiß nicht, wer ihn vorgeschlagen hat und wofür er die Million nun genau bekommt. Am 12. November wird er es erfahren, bis dahin übt er sich in reizender Bescheidenheit. "Das Geld ist natürlich allein für die Forschung", sagt er mit geschäftiger Miene, als hätte er Angst vor seinem eigenen Glück.

Lange bevor Jürgen Bier, Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Virchow-Klinikum, 1997 die Stiftungsprofessur für Navigation und Robotik ins Leben rief, war Tim Lueth über Umwege ins Reich der Robotik gelangt. Ein Tischtennis-Roboter hatte es ihm angetan. Die Leidenschaft ließ sich nicht mehr zähmen. Lueth brach sein erstes Promotionsthema ab, wechselte Uni und Doktorvater und ging an den Lehrstuhl für Robotik nach Karlsruhe.

Lueth hat alle Terminator- Filme gesehen, liebt Science-Fiction-Literatur, mit 14 Jahren verkaufte er die ersten Software-Pakete an Universitäten. Als er gerade 23 war, bestand er sein Diplom in Elektrotechnik. Dann die Promotion, danach ein paar Jahre Japan, Habilitation - und mit 31 Jahren war er Professor in Berlin. Lueth nennt das einfach "spaßgetrieben": "Ich hatte immer das Glück, das zu machen, was ich wollte. Ich war nie besonders karriereoptimiert."

Als Lueth ins Virchow-Klinikum kam, fand er einen Schreibtisch vor und einen leeren Operationssaal, der bereits für den noch zu erfindenden Roboter reserviert war. Das Team bestand aus Lueth allein, die ersten Doktoranden kamen erst später. Er fing einfach an, schraubte, bohrte, die Werkzeuge besorgte er im Baumarkt. Vor seinem Büro saßen Patienten in den Gängen mit kaputten Nasen, von Tumoren zerfressenen Ohren, mit entstellten Gesichtern. Im weißen Kittel sah Lueth nun selbst aus wie ein Mediziner. Aber er hatte keine Ahnung von Gesichtschirurgie, von Operationsmethoden, hatte sich noch nie Gedanken über das Einsetzen von Gummiohren gemacht. "Wenn man eine Entwicklung starten will, muss man den Mut haben, einfach anzufangen. Natürlich muss man sich einarbeiten in ein völlig neues Gebiet, bei Operationen dabei sein, Abläufe verstehen. Wir konnten aber nicht fünf Jahre warten, bis sich der Letzte komplett in die Materie eingearbeitet hat."

Bei ihrer Arbeit am Roboter fanden sich Lueth und sein Team zugleich inmitten eines großen interdisziplinären Experiments: Was würde passieren, wenn Ingenieure, Maschinenbauer, Informatiker aus ihrem Milieu in ein rein medizinisches Umfeld gesetzt werden? "Es war spannend zu sehen, ob wir auch hier zu Spitzenleistungen in der Lage sind oder ganz langsam austrocknen." Die gesteckten Ziele wurden erreicht: Der Roboter steht, oder besser, er hängt metallicblau von der Decke des neuen Operationssaales - Gesamtkosten rund 3,9 Millionen Mark. Männer mit grünen Jacken, Hosen und Hauben sitzen unter den Roboterarmen und erledigen die letzten Tests. Auf dem Operationstisch liegt ein rosa Phantomkopf aus Kunststoff mit unendlich vielen Löchern auf Stirn, Wange, Kiefer, Kinn. Monatelang haben Techniker und Chirurgen die Eingriffe geübt, auch an Schweineköpfen, später an Menschenleichen.

Das Erscheinen Lueths verursacht leichte Anspannung auf den Gesichtern seiner Mitarbeiter. Dabei sieht der Professor unter der grünen Haube jetzt aus, als wäre er ein Gymnasiast auf Biologie-Exkursion. Für seine Mitarbeiter scheint er dieselbe Strenge auszustrahlen wie immer. Lueth beobachtet jede Bewegung am Roboter ganz genau, manchmal zuckt seine Hand, aber er hält sich zurück. Immer noch scheint es ihm schwer zu fallen, das Roboter-Kind aus seiner Obhut zu entlassen. Lueth kennt jede Schraube, jede Mechanik. In den letzten Monaten hat er mit dem Roboter mehr Zeit verbracht als mit Frau und Tochter.