Heute ein Etikettenhalter. Liegt als blechernes Gestell auf dem Schreibtisch, sieht mickrig und unscheinbar aus. Ist aber eine Erfindung. Eine Neuheit. Eine Revolution also. Ständig landen "Revolutionen" auf dem Schreibtisch des Patentanwalts. Der guckt sie sich an, recherchiert, schreibt eine Patentanmeldung und reicht sie beim Patentamt ein. Und die Welt wird reicher um Etikettenhalter, wie sie einst reicher wurde um Glühbirnen, Dübel oder Aspirin.

Vielleicht wird der Etikettenhalter aber nie patentiert werden, weil die Erfindung nicht neu oder nicht erfinderisch ist. Patentanwälte sprechen da gerne von Erfindungshöhe. "Eine Erfindung ist dann erfinderisch, wenn sie für den Fachmann mit Blick auf den Stand der Technik zum Zeitpunkt der Anmeldung nicht nahe lag", sagt Armin Bohmann. Der Mann ist Patentanwalt, seit anderthalb Jahren.

Findet der Forscher zum Beispiel ein Protein, das sich - weil an ihm ein bestimmter Zuckerrest hängt - hervorragend für ein Medikament eignen würde, lässt er das patentieren. Ein klarer Fall für Bohmann. Oft aber ist die Sache komplizierter. Es könnte nun sein, dass der Erfinder dieses Protein mit dem Zucker, das ja ein ganz spezielles ist, Herrn Bohmann nur als allgemeines Protein präsentiert hat, ohne auf den Zuckerrest konkret einzugehen. Würde Bohmann das so als Patent anmelden wollen, würde das der Patentprüfer als nicht neu oder nicht erfinderisch ablehnen. Das hätte der Patentprüfer recherchiert, in der Literatur und in Datenbanken. Weltweit. Irgendwo würde er dieses bekannte Protein finden. Damit wäre es nicht mehr neu. Ergo: Abgelehnt.

Um dem vorzubeugen, braucht es Armin Bohmann. Der guckt sich zusammen mit dem Erfinder das Protein genauer an. Sie suchen nach dem Besonderen an dem Protein, "man versucht eben, die schutzfähige Erfindung zu destillieren", drückt Bohmann das aus. Man kommt auf den Zuckerrest an dem Protein. Dieser Zuckerrest macht die besondere Wirkung des Proteins aus, und keiner wusste das. Und prompt ist die Erfindung neu und erfinderisch. Patent erhalten.

Oder das Beispiel Nervenzelle. Irgendwo auf ihr sitzt ein Rezeptor, an den sich besonders gerne Moleküle hängen. Zum Beispiel solche, die die Gedächtnisleistung herabsetzen. Alzheimer. Hat der Biologe diesen Rezeptor entdeckt, dann lässt er sich den patentieren. Konkurrenz ausgetrickst. Weltweit. Denn der Erfinder kann jetzt in Ruhe weiterforschen, mit "seinem" Rezeptor, Moleküle entwickeln, die sich an dem Rezeptor einklinken und ihn sozusagen blockieren und somit den anderen Molekülen, die die Gedächtnisleistung verringern, keine Chance mehr lassen. Und für diese neu entdeckten Moleküle wieder ein Patent beantragen und die dann vielleicht einmal als Medikament verkaufen.

Ist ein Patent einmal erteilt, im Schnitt drei bis fünf Jahre nach dem Antrag, kann der Erfinder damit machen, was er will. Brachliegen lassen, weiterforschen, Lizenzen verteilen. "Im Vordergrund steht die freedom to operate", sagt Bohmann, "das heißt, das Erreichen einer Monopolstellung, Unbehelligtsein von der Konkurrenz auf dem eigenen Fachgebiet."

Wer auch immer mit einem patentierten Rezeptor, zum Beispiel, kommerziell arbeiten will, muss dem Patentinhaber dafür Geld zahlen: Dann bekommt er die Lizenz zum Forschen, Entwickeln und Produzieren. Der einfache Fall. Der komplizierte Fall: Der Konkurrent will die Lizenz nicht zahlen, erhebt Einspruch, klagt auf Nichtigkeit des Patentes oder ignoriert das Patent - böse juristische Tricks, die das Arbeiten des Patentanwalts spannend machen. Jetzt geht es um juristische Details. Solche Klagen und Lizenzverträge erarbeitet Bohmann, der Biologe, zusammen mit einem Kollegen, Volljurist. "Patentanwälte sind ja nur juristisch gebildete Techniker", sagt der 34Jährige.