Zuletzt trat Frauke Angel in einem Projekt für arbeitslose Schauspielerinnen auf. Was mache ich bloß falsch in meinem Leben? hieß das Stück. "Nichts!", heißt die Antwort.

Frauke Angel hatte nie diesen Riesentraum vom Hollywood-Star mit der 20-Millionen-Dollar-Gage. Schauspielerin wollte sie sein, nicht Julia Roberts oder Sharon Stone. Ihr Vater war Bergmann, ihre Mutter Hausfrau, und Frauke war die Heilige Johanna der Schlachthöfe. Mit dieser Rolle hat sie gleich beim ersten Vorsprechen ein Stipendium an einer Privatschule in Kiel bekommen. Vor zwei Jahren hat Frauke Angel ihre Schauspielausbildung abgeschlossen, seither arbeitet sie als Kellnerin. Fast hauptberuflich. Trotzdem glaubt die 25-Jährige, dass sie es schaffen kann. "Ohne diesen hundertprozentigen Glauben wär's vorbei."

Die Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung (ZBF) der Bundesanstalt für Arbeit, neben den vielen privaten Agenturen eine der wichtigsten Anlaufstellen für jobsuchende Schauspieler, hat im vergangenen Jahr von 421 neuen Bewerbern 355 in ihre Vermittlungskartei aufgenommen. Die Schauspieler mit staatlichem Diplom wurden sämtlich akzeptiert, ausgesiebt wurden nur Anfänger mit Privatausbildung. "Es machen immer mehr Schauspielschulen auf, aber die Qualität ist sehr unterschiedlich", erklärt ZBF-Leiterin Ursula Geller. Sie warnt deshalb davor, "gleich in die Erstbeste zu rennen".

Das ist leicht gesagt. Tausende bewerben sich jedes Jahr um die rund 150 Studienplätze, die die 13 staatlichen Schulen in Deutschland zu vergeben haben. Einzige formale Zugangsvoraussetzung ist die mittlere Reife. Beim Vorsprechen müssen die Bewerber dann mit zwei vorbereiteten Rollen und in der Improvisation Talent beweisen. "Ein nettes Gesicht allein reicht nicht", sagt Pjotr Olev, Leiter der Schauspielabteilung der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. "Auf der Bühne zu stehen und die Zuschauer glauben zu machen, da sei eine Wiese - dazu gehört natürlich Begabung."

Alle, die sich für begabt halten, starten im Frühjahr, wenn die Aufnahmeprüfungen laufen, ein wahres Vorsprech-Marathon durch die Republik. Nach der x-ten Absage sind nicht wenige irgendwann bereit, Lehrgeld zu zahlen: Zwischen 350 und 1000 Mark monatlich kostet der Unterricht an einer der über 65 privaten Schulen. Dabei gilt nicht, dass das Niveau der Ausbildung der Höhe des Schulgelds entspricht. Ein Qualitätsmerkmal ist jedoch, wie umfassend der angebotene Unterrichtsstoff ist. Um auch eine Rolle im Musical übernehmen zu können, sollten Tanz und Gesang zum Programm gehören. Schüler der staatlichen Schauspielschulen haben darüber hinaus Unterricht in Dramaturgie, Theatergeschichte, Sprecherziehung, Akrobatik, Ballett und Fechten. Harte Arbeit gehört dazu, bringt aber allein nicht den Erfolg. "75 Prozent sind Glück", sagt Pjotr Olev.

Glück, das den meisten fehlt. Die rund 200 Bühnen in Deutschland haben etwas weniger als 3000 feste Verträge zu vergeben, knapp 5000 Schauspieler bekommen einen Gast-, Teilzeit- oder Stückvertrag. Die anderen - und das sind mindestens genauso viele - sind arbeitslos oder schlagen sich mit gelegentlichen Fernsehrollen durch. Besonders hart trifft es die Frauen, denn Shakespeare & Co haben ihre Stücke Männern auf den Leib geschrieben. So sind bei der ZBF zwar mehr Schauspielerinnen als Schauspieler gemeldet, unter den 4400 Vermittlungen im vergangenen Jahr waren aber nur 1600 weibliche Rollen.

Pjotr Olev hat dazu wenig Tröstendes zu sagen: "Man darf nicht saufen und weinen, sondern muss was tun." Klinkenputzen heißt das, nehmen, was man kriegen kann. Kleine Fernsehauftritte, Sprechrollen im Radio, Synchronisation - oder Werbung. Frauke Angel hat schon öfter Reklame gemacht. "Blödi-Einsätze" nennt sie das, aber für die gibt es wenigstens Geld: 2500 Mark für einen Drehtag - so viel würde sie als Anfängerin auf der Bühne in einem Monat verdienen. Sie gibt sich sogar mit 120 Mark pro Vorstellung zufrieden, wenn sie an einer freien Produktion mitwirken darf. Weil ihr solche Projekte Spaß machen und weil sie nicht aus der Übung kommen möchte. "Ich will dranbleiben", sagt sie. Denn sie findet immer noch, dass sie "privilegiert" ist. "Wenn ich arbeite, dann mit voller Leidenschaft. Und dieses Glück entschädigt für vieles."