Der Haushalt muß in Ordnung gebracht werden. Saubere Gardinen stecke ich auf, es soll kein Russe sagen, hier hat ein deutsches Schwein gewohnt.

Rot-Kreuz-Schwester Else Zappe

Diesmal also die Zeitspanne 12. Januar bis 14. Februar 1945: Die Lohe des Untergangs leckt schon an der Pforte der Teufel, doch noch tanzen sie um das Feuer, in dem sie mit verbrecherischer Erbarmungslosigkeit Millionen verheizen - die Goebbels und die Görings, die mit voll gestopften Limousinen, sogar Flugzeugen voller Möbel aus jenen Ostgebieten flüchtenden Bonzen, in die sie zugleich das letzte Aufgebot schickten, zum Panzerfaustwahnsinn verführte Kinder - "Mein jüngster Soldat war 13 Jahre alt ... der sogar einen Panzer abgeschossen hat" - und auf ihre Flinten wie auf Krücken gestützte Rentner. "Wunderbares Menschenmaterial" nennt der Lügenbaron Goebbels das, was sein Kumpan Himmler "mit dem Scheuerlappen zur Front hauen" will. Die tränentreibende Farce, dass noch immer, Januar 1945, sich junge Männer in dummem Stolz - "Es war ein so großes Erleben. Leider bin ich ohne Brustschmuck geblieben. ... in wenigen Minuten vier T 34 abgeschossen" -, in abstruser Mischung aus heldischem Rausch und eingebläuter Nibelungentreue, opferten: "Der arme Führer, was muß der durchmachen! Wir müssen gewinnen und wir werden auch gewinnen!" Indes dieser kriminelle Irre - der "musische Mensch" nennt sein hinkender Satrap ihn - darüber sinnt, ob man die russischen Hiwis nicht in ihre "schönen Kosakenuniformen" stecken soll, seine Feldherrenqualitäten mit dem Satz "Wir wissen selber nicht, wo der Russe ist und wo wir sind" charakterisierend. Das ewige Rätsel, wie auch Erwachsene - ein 44-Jähriger - sich einen Nornendunst vorgaukelten: "Welche Lose die Nornen für uns bereithalten, wer vermag es zu sagen ... Wir hier mögen bestehen oder fallen, aber die Heimat soll gerettet werden, und wenn uns das Äußerste beschieden ist, so mögen Götteraugen das Opfer entgegennehmen." Doch nicht Götteraugen, sondern fassungslose Frauen waren es, die diese widerlichen Briefe vom "Heldentod für Großdeutschland", "für Führer und Vaterland" entgegennehmen mussten. Für einen Dreck waren sie gefallen, für keine Größe und Freiheit und Zukunft; und für eine Gangster-Clique, die sie gnadenlos meucheln ließ: "General Busse hat Standgerichte eingesetzt. Von diesen Standgerichten sind eine Reihe Offiziere und Mannschaften zum Tode verurteilt und gleich im Angesicht der Truppe füsiliert worden." Die Höhe der Pension des Herrn General Busse tät mich interessieren. Wie auch die Träume der verführten Täter - "Es wurden zwanzig unserer Kämpfer gefunden, mit ausgestochenen Augen und von Bajonetten zerstochen und danach ermordet", berichtet ein Rotarmist. Das "Wir hauen und stechen den Fritz, dieses Vieh" seines Kameraden Wladimir klingt da fast biblisch, dieses "Wir sind jetzt schon in der ,Höhle' und zahlen es dem Deutschen mit verstärkter Kraft für unsere gefallenen Kameraden heim. Wir sind Aufklärer, wir waren zu fünft, jetzt sind wir zu dritt, aber das Konto unserer Rache für Wenja wächst, für seinen Tod haben schon 16 deutsche Soldaten zahlen müssen. Ich denke, dabei werden wir es nicht belassen".

Kempowskis Schnitt-Technik, mit der er sein Material aus Briefen, Radiomeldungen, Führerbefehlen, Stalin-Churchill-Telegrammen oder Tagebüchern zusammen- beziehungsweise gegeneinander fügt, hat in den besten Passagen etwas Inszenatorisches: Er macht den Leser zum Zuschauer, ständig ist man wie im Theater - wie bei Kabale und Liebe, bei Othello - versucht zu rufen: "Trink den Becher nicht aus!", "Versteck das Taschentuch!". Dieses unausgesprochene "Mein Gott, haut ab" oder "Du widerliches Schwein", wenn die Stahlwalze der Roten Armee heranrollt, wenn der transvestitische Wanst in Karinhall bei orgiastischen Festen sich den Pansen stopft in bitterster Hungerzeit bei Strömen von Champagner, Rotspon und Cognac oder sich in widerwärtigster Pose vor den zusammenkartätschten deutschen Soldaten im Osten zeigt: "Er war besonders umfangreich, da er mehrere sonderbar resedabraune Mäntel übereinandertrug. Er sah aus wie eine gewaltige Amme, die sich als serbischer General verkleidet hatte. Aus seinem Busen zog er Zigarren hervor, die so dick wie Milchflaschen waren" - diese atemlose Teilnahme am Geschehen bestimmt das Tempo von Kempowskis Breitwand-Collage. Die Zeugnisse - von der kinoschluchzenden Flakhelferin bis zu den noch in letzter Stunde in den Lagern Gemetzelten (KZ Dachau, 7. Februar 1945: "Gestern 260 Tote, heute 108") - sind so direkt, dass die Lektüre mitunter kaum zu ertragen ist (mag sein: besonders schneidend für den Leser meines Jahrgangs, der die Erfrorenen, Zerfetzten, Verbrannten noch sah). Kempowskis gewaltige Dokumentation - ein Dokument der Gewalt.

Gewiss, das Unterfangen hat etwas Gigantomanisches, doch es legt Zeugnis ab von einer Gigantomanie des Terrors. Ein Buch wie ein Mahnmal für die Zerschundenen und Gestäupten. Es vereint die Wucht von Remarques Antikriegsroman mit dem gellenden Appell der "Nie wieder Krieg"-Chansons von Tucholsky. Kempowski ist ein Kartograf, er zeigt eine Landkarte des Grauens. Durch die von ihm geradezu infam montierten Einsprengsel der Banalität - die "Mutti"-Briefe der Landser an ihre Frauen; kleine Offiziersflirts, Urlaubsgeschäker oder Erich Kästners Flapsigkeiten - wird dieser "Kulturfilm" nur noch grässlicher. Seine Bilder setzen sich zu dem einen Haupt-Wort des Jahrhunderts zusammen: Verbrechen.

Kempowski erzählte mir während der Arbeit an dem Verbrecher-Album von seiner Sorge, das Material könne einen eigenen Magnetismus entwickeln, eine Art Sog des Mitleids für die im Verderben untergehenden Deutschen. Und in der Tat gleichen diese zwanzigmal vergewaltigten Frauen, diese Mütter mit ihrem erfrorenen Kind im Arm, die Fliehenden auf ihren brechenden Panjewagen, die Deserteure im vereisten Stroh und die Ertrinkenden der Wilhelm Gustloff einer Gespensterarmee, deren stummen Schrei "Seht her, was mit uns geschieht!" man nicht überhören kann. Die wüsten Kriegsbilder von Dix oder Hofer sind dagegen Genremalerei. Zur Schiffskatastrophe der Ertrinkenden fiel dem feixenden Schreihals Goebbels übrigens ein Achselzucken ein, als habe er ein Schlüsselbund verloren. "Leider haben wir das Schiff Wilhelm Gustloff verloren mit etwa 4000 Mann, und zwar befanden sich darunter 900 Mann beste U-Boot-Besatzung." Aber: Die Waage von Kempowskis Justitia ist nicht gezinkt. Wie bestialisch auch die Rote Armee bei ihrem Vormarsch hauste - das berüchtigte Flugblatt ist abgedruckt -, Kempowski, und sei es durch Briefe der Rotarmisten in ihre Heimat, zeigt immer wieder: Was jetzt uns geschieht, haben zuerst wir ihnen angetan. Wir waren es, die den Krieg begannen, wir waren es, die brandschatzten, raubten, mordeten, vergewaltigten, die den "Untermenschen" die Augen ausstachen, ihren Frauen das Baby aus dem Leib schnitten. Und wir waren es, die sich da wie selbstverständlich "zu Hause" fühlten, im gestohlenen Haus wohnten, als gehöre es uns: "Ich denke jetzt oft zurück an die herrliche Zeit in der schönen Stadt Krakau, wenn ich daran denke, daß im Grandhotel oder im Ratskeller russische Offiziere speisen, daß die Rotarmisten durch die schönen Straßen und Anlagen trampeln, - na, mir reicht es." Wer denn hatte sie - "Wenn ich mir vorstelle, daß in meinem geliebten Senditz jetzt Bolschewisten hausen!" - dorthin gebeten?

Nun weinten die Mörder, nun barmten die Vergewaltiger bei "Mutti", nun froren die Verheizer - und das große, nie verrinnende Thema ist immer noch einmal da: der Soldat ohne Bein, die Hausfrau ohne Haus, das Kind ohne Eltern. Denen geschah nicht "recht". Wem zerreißt es nicht das Herz bei dieser Eintragung: "Frau Grimm erzählte uns noch am andern Tag, als sie von der Beerdigung des jungen Soldaten kam, die Mutter habe, als sie noch am offenen Sarge stand, sich gewundert über die sonderbaren Formen, die sich da abhoben, und deshalb das Laken gehoben um nachzusehen, was das sei. Da hätten neben ihrem Sohn in seinem Sarge lauter amputierte Arme und Beine gelegen."