"Warum erinnern wir uns an die Vergangenheit, aber nicht an die Zukunft?" Stephen Hawking

Lassen wir also noch einmal das vergangene Jahrhundert durch unser Gedächtnis wandern - jetzt, beim Anbruch des 22. Jahrhunderts, das so unübersichtlich vor uns liegt wie damals das unsere, als im Jahre 2000 mit rastlosem Getöse der Jahrtausendwechsel zelebriert wurde ... Absehbar war, dass es im 21. Jahrhundert auf dieser Kruste eng werden würde. Obwohl die großen Wanderungen, von denen der Norden seit langem düster träumte, letztlich doch ausblieben. Gewiss, es sind Millionen über die Grenzen in Richtung Wohlstand gesickert. Völkische Zerreißproben in der Art des 20. Jahrhunderts sind uns heute gleichwohl fremd. Eher sehen wir die großen Einheiten der globalen Gemeinschaft wie Schwämme verschiedener Farbe. Was sich abspielt, ist nicht der einst beschworene "Kampf der Kulturen", sondern - viel nüchterner - eine kulturell grundierte Machtpolitik, in der auch die Armen selbstbewusst ihren Part spielen.

Nun das Unglück - auch wenn uns Heutigen der Ton der Historiker des 20. Jahrhunderts abhanden gekommen ist, die scheinbar unbewegt Kataloge des Grauens zusammenstellten ... Poverty also. Das Virus, das irgendwann um 2025 in einem Gewirr von Hütten seinen Ursprung nahm. Man hat die Spur nie ganz gefunden. Das Virus, das selbst gegen Umbenennungen resistent war. "Humanity" war der wohlmeinende Vorschlag, aber wie alles Treffende war der ursprüngliche Name nie mehr aus der Welt zu schaffen. Und so hieß es noch Poverty, als es längst in den Villen hauste.

Sechs Jahre hat der Zug der Seuche gedauert, mit all seinen sinnlosen Wegen und Wendungen. Wie ein Klecks des Verderbens hat sie uns getroffen, hat ein Zeichen des Todes auf unseren Erdball geätzt, als wäre er aus dem Raum mit Säure bespritzt worden. Wie betäubt stand die Menschheit, sperrten Eltern den Nachwuchs in Keller (ohne doch die Ansteckung abwenden zu können), während auf den Bildschirmen die Interpreten des Unheils paradierten. Heerscharen von Ärzten begleiteten hilflos den Lauf des Verderbens, verdammt wie zu Zeiten der Pest die Katastrophe zu beschauen und den Transport der Toten zu regeln. Indes, als das Leid hinauswuchs über die Maße der amtlichen Trauer, über die Begriffe der Geistlichkeit und selbst über das Kalkül der Versicherungen; als ganze Landstriche von Trauer überschwemmt wurden, da zeigten sich die Menschen wie am ersten Tag: in ihrem rattenhaften Lebenswillen, der die kleinste Hoffnung zur Bastion ausbaut - aber auch in Weitherzigkeiten, die durch nichts zu beirren waren.

Am Ende hat das Virus von selbst seinen Abschied genommen, hat die Biologie, wie den Anfang, so das Ende des Schreckens bestimmt. 2031 war es vorbei, wurden - noch zaghaft - die Reihen geordnet und die Erklärungen justiert. Die Seuche sei ein Produkt von Armut und Enge, ein Rückschlag der strapazierten Natur, so die gängige Lesart. Andere nahmen es grundsätzlicher: Die Menschheit habe sich so erfahren, wie sie sich seit unvordenklichen Zeiten immer wieder erfuhr - einem Größeren ausgesetzt, dem sie vieles abringt und doch ewig unterworfen bleibt. Eingerollt in die Zivilisation, habe sie ihre Lage eine Zeit lang verkannt.

Natürlich hatte auch unser Jahrhundert seine Normalität. Kaum war das Menetekel verblasst, kamen die alten Fragen wieder ins Spiel, wurde das Lied von Macht und Einfluss aufs Neue angestimmt, in leicht veränderter Besetzung. Wenn wir bilanzieren, finden wir die politische Welt hundert Jahre nach der Jahrtausendwende merklich umgeschichtet.

Die USA, die im 20. Jahrhundert die europäische Konkurrenz abgeschüttelt hatten, haben mit Geschick ihre Position verteidigt, ohne das Aufkommen der Rivalen unterbinden zu können. Europa hat sich achtbar etabliert, China ist, wie erwartet, massiv in die Weltpolitik eingetreten, und selbst Russland und die arabische Föderation, die wirtschaftlich weiterhin nachhinken, sind aufgrund technischer Fortschritte und moderner Waffen Teilnehmer am internationalen Gespräch. Die Welt von fünfen, die Bismarck für das Europa des 19. Jahrhunderts ausmachte, erleben wir im 21. Jahrhundert als globale Realität. Das "alte Pentagon" habe ihr besser gefallen, witzelte kürzlich die amerikanische Präsidentin.