Früher waren es eher die Tagträume, die mich beschäftigten. So stellte ich mir als Zehnjährige vor, ich würde Robert Plant von Led Zeppelin heiraten. Ich war unsterblich in ihn verliebt. Ich lernte ihn dann später kennen. Und während wir im Studio saßen und unser indisches Fast Food aßen, machte er mir tatsächlich einen Heiratsantrag. Aber er bietet wahrscheinlich jeden Tag sieben Frauen die Ehe an. Außerdem glaube ich, dass er sich für King Arthur hält. Ich lehnte lieber ab. Vergangenes Jahr habe ich dann meinen Soundmixer Mark geheiratet.

Nachts habe ich meistens Albträume. Ich höre jetzt schon, wie manche Leser sagen: "Das war mir klar. So wie deine Songs klingen, musst du schreckliche Horrorträume haben." So wie der, den ich im Song Black Dove von meinem letzten Album The Choirgirl Hotel beschreibe. Ich sehe eine schwarze Taube. Ich sehe ihr Gesicht ganz deutlich. Sie ist durchsichtig. Wie aus Eis. Ich kann meine eigene Hand da durchsehen. Ein Bohrer bohrt sich durch ihren Körper, und sie blutet Wasser. Ihr Blut ist transparent. Um musikalisch dieselbe bedrohliche Stimmung zu erzeugen, musste ich meinen Musikern eine Szene aus dem Film Fargo beschreiben. Dort kommt ein Auto im Schneesturm aus der Entfernung angefahren, ganz langsam. Man weiß, es ist gleich da. Und zugleich hofft man, dass es niemals dort ankommen wird.

Diese Albträume quälen mich seit meiner Kindheit. Ich bin die Tochter eines Methodistenpfarrers und wurde als Kind von einem Bekannten der Familie sexuell missbraucht. Ich denke, dass mir die Albträume Dinge über mich erzählen, die ich wissen sollte. Und ich versuche, dahinterzukommen, was sie bedeuten. Vielleicht kann ich ja dadurch Zugang zu meiner Seele bekommen.

Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich schlafe. Oder ob ich nicht einen bösen Zwilling habe, der all diese Dinge wirklich treibt, die ich träume. Manchmal werde ich aber auch von Engeln besucht.

Als ich vor einigen Monaten in Bude in Cornwall an meinem neuen Doppelalbum arbeitete, hatte ich einen einschneidenden Traum. Da tauchte plötzlich diese Stimme in meinem Kopf auf. Ich nenne sie meinen dunklen Engel. Sie war eine Seelenschwester, die in meinem Kopf sang. Sie summte mir eine Melodie vor. Eine sehr eindringliche Melodie. Es war halb sechs oder sechs Uhr morgens. Ich kletterte aus dem Bett und schlurfte rüber zum Studio. Auf dem Land lassen die Leute immer noch alles unverschlossen. Das Studio stand also offen. Ich ging rein und nahm die Melodie auf. Daraus hat sich dann der Song Thousand Oceans entwickelt. Ich habe lange daran herumgefeilt, bis ich ihn endlich fertig hatte.

Ich brauche manchmal unglaublich lange, bis ich einen Song verstehe, den ich aufgenommen habe. Weil ich so drinstecke und mich nicht distanzieren kann. Manchmal verstehe ich meine Lieder erst, wenn ich mit ihnen auf Tournee gehe und mit ihnen lebe. Sie sind wie Mädchen für mich, die mir Gesellschaft leisten. Manchmal verstehe ich einen Song aber auch erst durch die Reaktion der anderen Menschen. Bei Thousand Oceans war das so. Mein Mann Mark hatte gerade seinen Vater verloren. Die beiden waren sich sehr nah gewesen, weil Mark sein einziges Kind gewesen war. Vor dem Tod meines Schwiegervaters hatten die zwei jeden Tag telefoniert. Und der alte Schlawiner hatte uns alle an der Nase rumgeführt und so getan, als ginge es ihm besser. Er hatte Krebs, und eines Tages war er einfach tot. Das war ein Riesenschock für Mark, weil er an das Märchen von der Besserung geglaubt hatte. Die beiden hatten sogar Pläne geschmiedet, dass Mark seinen Vater rüber zu uns in die USA holen wollte. Da war er noch nie gewesen. Nachdem der alte Mann gestorben war, wurde es mit unserer Beziehung sehr schwierig. Mark war untröstlich. Man kann ja nicht viel für jemanden tun, der die Person verloren hat, die ihm wohl die wichtigste im Leben war. Ich habe ihn oft in den Armen gehalten und lange Spaziergänge mit ihm gemacht. Ich war einfach viel für ihn da. Allerdings bekam ich nicht so richtig Zugang zu ihm. Ich habe noch meine Mutter und meinen Vater, also fehlte mir diese Erfahrung. Und es war schwierig für mich, zu Mark durchzudringen. Das gelang mir erst mit dem Song Thousand Oceans. Nachdem Mark den zum ersten Mal gehört hatte, kam er immer wieder zu mir, setzte sich neben das Klavier und sagte: "Bitte, spiel doch noch mal das Lied." Und ich spielte es ihm vor. Dadurch bekam ich wieder Kontakt zu ihm. Ich holte ihn aus seiner anderen Galaxie zurück, in der er Millionen von Meilen von mir entfernt war. Insofern hatte der Traum eine ganz wichtige Funktion für mich. Er stellte die Verbindung zwischen uns beiden wieder her.

Das mit den Albträumen ist übrigens ein bisschen besser geworden. Ich habe etwas gefunden, das mir hilft. Ich hatte eine ganz schlimme Phase durchgemacht, in der ich jeden Morgen um drei Uhr schweißgebadet aufwachte und sagte: "Oh, nein, nicht schon wieder". Dann fing ich an, mir abends eine brennende Kerze ins Schlafzimmer zu stellen. Das funktioniert auch im Hotelzimmer. Wenn ich mit Mark zusammen bin, ist er auch froh, wenn die Kerze an ist, weil er weiß, dass er dann mehr Schlaf bekommt.