New York

Ein einziges Mal verliert Melvyn Weiss die Fassung. "Erzeugt es Antisemitismus, wenn Opfer für ihre Rechte kämpfen? Sei's drum, dann sehe ich ihn lieber offen als versteckt." Weiss ist Anwalt. Jüdischer Anwalt jüdischer Opfer. Und schon ist man mitten im Problem. Melvyn Weiss kämpft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter durch deutsche Firmen. Er ist damit nicht nur eine der Hauptfiguren in dem schier endlosen Drama um ausgebeutete Opfer des "Dritten Reiches", kühl kalkulierende Unternehmer, weitreichende diplomatische Verwicklungen und unterschiedliche Rechtssysteme. Weiss und seine Kollegen gelten auch immer häufiger als Schurken: Geldgierige jüdische Anwälte - so offen würde das in Deutschland natürlich niemand sagen, und doch, hinter vorgehaltener Hand, da klingt so manches aus manchem Munde.

Im Kampf für die gute Sache verdienen Anwälte gutes Geld

"Die deutsche Industrie hat so lächerlich wenig angeboten, dass im Moment alle auf unserer Seite sind", sagt Weiss und blickt nun ganz vergnügt aus dem Fenster seines Büros im 49. Stock eines Hochhauses an der Pennsylvania Plaza. In der Morgensonne blinken von ferne die Türme von Lower Manhattan. Dort, hinter verspiegelten Fenstern, sitzen die mächtigen Wall-Street-Anwälte. Weiss hat schon einige von ihnen in die Knie gezwungen bei Prozessen gegen Versicherungen und Banken, in denen es um Millionen ging. Seither weiß er auch: "Man braucht enormen Druck, um solche Leute zu einer Reaktion zu zwingen. Sie reagieren nicht aus Herzensgüte." Und weil Weiss nicht nur ein guter Anwalt ist, sondern einer der besten Experten für Schadenersatz in Amerika, setzt er eben derzeit alle Druckmittel ein, die ein Fachmann so kennt.

Zum Beispiel in der vergangenen Woche. Da tauchte Weiss plötzlich in Washington im Kapitol auf, mit zwei Senatoren an seiner Seite und der Vorlage für einen Gesetzentwurf in der Tasche. In einer Pressekonferenz stellten die beiden Demokraten Charles Schumer und Robert Torricelli den Text vor: Das Gesetz würde amerikanischen Gerichten erlauben, künftig Schadenersatzklagen ehemaliger Sklavenarbeiter zuzulassen. Ein brillanter Schachzug. Erst wenige Wochen zuvor nämlich hatte ein Gericht in New Jersey eine Schadenersatzklage gegen die Chemiefirmen Degussa und Siemens abgewiesen. Es sei nicht zuständig, hieß es damals. In den Rechtsabteilungen der Unternehmen werden danach wohl Sektkorken geknallt haben. "Vor Prozessen fürchten wir uns nicht", erklärte jedenfalls Industriesprecher Gibowski. "Die gewinnen wir." Seit der vergangenen Woche sind die deutschen Unternehmer wieder um eine Sorge reicher.

Juristisches Hickhack? Längst prallen beim Umgang mit dem Schicksal ehemaliger Zwangsarbeiter nicht mehr nur Wirtschaftsinteressen und der Wunsch nach Entschädigung aufeinander. Inzwischen kollidieren auch zwei unterschiedliche Rechtskulturen, die amerikanische und die deutsche. Seit jeher sind amerikanische Anwälte aggressiver und innovativer als ihre deutschen Kollegen, ihr Rechtssystem lässt ihnen viel mehr Spielraum. In der Logik des politischen Systems der Vereinigten Staaten ist das durchaus sinnvoll: Als treibende Kraft hat die Zunft viele Lorbeeren erworben, indem sie Ansprüche der kleinen Leute, der Unterprivilegierten und Vergessenen erkämpfte. Die Bürgerrechts-, die Frauen- oder die Umweltbewegung wären heute in den USA ohne ihre Anwälte längst nicht so erfolgreich. Und Millionen von Verbrauchern hätten Geld durch die Mogelverträge ihrer Versicherungen und Banken verloren. Inzwischen jedoch wächst nicht mehr nur das Themenspektrum, sondern auch der juristische Aktionsradius der Amerikaner: Immer häufiger erklären sich US-Gerichte auch dann für zuständig, wenn im Ausland etwas schief gegangen ist.

Erfolg lohnt sich. Vor allem bei den so genannten class action suits, den Gemeinschaftsklagen von Geschädigten, kann ein Sieg vor Gericht auch für den Anwalt zu einem Geldregen führen. So manche Kanzlei hat in den vergangenen Jahren auf diese Weise bis zu 30 Prozent Erfolgshonorar kassiert - das sind dann schnell dreistellige Millionenbeträge. Für eine gute Sache streiten und auch noch ein kleines Vermögen verdienen - American Way of Life. Eine Lebensweise, die allerdings gar nicht so selten durchbrochen wird: Im Falle des deutschen Entschädigungsfonds gibt es Anwälte, die schon jetzt ein Erfolgshonorar fordern, andere hingegen wollen keinen Pfennig. Anwalt Weiss rechnet mit zwei bis drei Prozent der Entschädigungssumme.