In seiner umstrittenen Frankfurter Rede ärgerte sich der Schriftsteller Martin Walser über die "Dauerpräsentation unserer Schande", namentlich in den Medien. Also: keine Fernsehdokumentation über die Firma Hugo Boss, die der Wehrmacht mittels "Fremdarbeitern" Uniformen schneiderte und dem Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft erst beitreten mag, seit der Sendetermin für das kritische Porträt des eigenen Unternehmens feststeht. Das hätte so mancher wohl gern.

Die Schlussstrich-Rhetorik ist der Refrain der Republik, genauso alt wie der Staat. Es begann, kanzleramtlich betrachtet, mit Konrad Adenauer, der "den baldigen Abschluss" der Wiedergutmachung 1951 schon ankündigte, bevor sie begonnen hatte. Adenauer fand einen Nachfolger in Helmut Kohl, der sich 1998 kategorisch weigerte, "die Bundeskasse noch einmal aufzumachen". Ein paar Monate danach ging sie dann doch auf, um für die überlebenden Zwangsarbeiter ein "materielles Zeichen zu setzen"; ein "abschließendes", versteht sich.

Kaufmann von Venedig,

Die Verhandlungen um die Entschädigungen für Zwangsarbeiter - samt aller Aufregung - sind ein deutscher Klassiker, der so oder ähnlich immer wieder aufgeführt wurde in der Geschichte der Bundesrepublik. Gerade deshalb lohnt es, nüchtern zu bleiben. Die Bundesregierung hat, erstens, die falsche Strategie verfolgt, als sie sich in den Verhandlungen freiwillig zum Juniorpartner der Industrie machte. Zweitens wollen bis heute die meisten deutschen Traditionsunternehmen nicht begreifen, dass sie gemeint sind, wenn von Zahlungen an Zwangsarbeiter gesprochen wird. Und drittens verfolgen die wichtigsten Berater der Opfer eine törichte Strategie. Alles zusammen lähmt die Gespräche.

Dass die Ansprüche von Hitlers Arbeitssklaven berechtigt sind, bezweifelt niemand prinzipiell; diese Opfer wurden, weil riesig an Zahl und jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden, von aller Wiedergutmachungs-Gesetzgebung planmäßig ausgespart. Unklar ist allein, welche Entschädigung für die Zwangsfron heute angemessen wäre. Eine aufgezinste Nachzahlung des entgangenen Lohns gewiss nicht. Eher eine symbolische Zahlung, hoch genug, um Frieden zu stiften und nicht entwürdigend zu wirken. Dafür gibt es die Maßstäbe einzelner Gerichte und Firmenstiftungen: mindestens 10 000 Mark für KZ-Arbeiter, je nach Härte des Regimes entsprechend weniger für alle anderen. Wer sich dem Problem so nähert, kommt ungefähr auf den Gesamtbetrag, den Hans-Jochen Vogel, der frühere SPD-Chef und jahrelange Vorkämpfer für eine feine Lösung, nennt: zehn Milliarden Mark.

Allein, Gerhard Schröder wollte sich dem Problem nie auf diese Weise nähern. Gut ein Jahr ist es her, da trat er vor die Kameras und bot den Unternehmen im Angesicht drohender Sammelklagen aus Amerika "den Schutz der neuen Regierung" an. Das war gut und richtig und drehte doch die Dinge auf den Kopf. Bei Schröder erschien die deutsche Industrie als verfolgte Unschuld, weshalb er die Zwangsarbeiter-Frage fortan betrieb wie den Atomausstieg - im bedingungsfreien Konsens. Nur "Moderator" sollte der Regierungsbeauftragte sein. Die Industrie bestimmte, was den Opfern im Austausch für Rechtssicherheit vor amerikanischen Gerichten anzubieten sei. Und die Regierung legte brav noch mal die Hälfte drauf. So kamen sechs Milliarden Mark zusammen. Zu wenig für gut zwei Millionen überlebende Zwangsarbeiter. Weshalb der Arbeitsstab des Kanzlers viel Eifer darauf verwandte, den Kreis der Begünstigten einzuengen. Das schönste Vermeidungsargument präsentierte schließlich Graf Lambsdorff, des Kanzlers Unterhändler, als er erklärte, die "Beschäftigung von Arbeitern aus dem Osten" sei in der deutschen Landwirtschaft eine "natürliche historische Erscheinung" gewesen.

Gewiss weiß Lambsdorff, dass auch Landarbeiter Zwangsarbeiter waren, wenn auch unter günstigeren Bedingungen. Aber 820 000 Menschen weniger im Fonds schüfen eben Entlastung. Und wenn sich eine Regierung zum Gehilfen ihrer geizenden Industrie macht, muss der Unterhändler so sprechen. Erst weltweite Proteste gegen derlei Definitionsrabulistik haben Kanzler Schröder zur Wende gezwungen: Seit dem Wochenende darf Lambsdorff Politik machen und öffentlich Druck auf die Industrie ausüben. Um eine Milliarde soll sie erhöhen, damit das Angebot, samt vergrößertem Bundesanteil, bei immer noch knappen acht Milliarden Mark steht.

Doch die "Stiftungsinitiative der deutschen Industrie" lehnt ab. Wahrscheinlich hat sie keine andere Wahl. Denn nur 36 Firmen bilden die Solidargemeinschaft der Wirtschaft. 36, die um den Markt Amerika fürchten oder ihre Verantwortung erkannten. Warum sollten diese Firmen noch mal draufsatteln? Wo es doch Dutzende, ja Hunderte Firmen gibt, die sich blind und taub stellen. Hier liegt das eigentliche Skandalon. Und die wichtigste Aufgabe.