Kommt ein Mensch heutzutage durch ein Tier zu Schaden - gleichgültig ob durch Haus-, Zoo-, Zirkus- oder Wildtier -, dann wird das Tier in der Regel getötet. Einschläfern nennt man das beschwichtigend, und selten erhebt sich dagegen Widerspruch. Im Mittelalter und noch bis weit hinein in die Neuzeit war das anders. Damals wurde dem tierischen Täter ein ordentlicher Prozess gemacht, mit Richter, Ankläger und Verteidiger, vor großem Publikum auf dem Gerichtsplatz. Noch im 18. Jahrhundert wurde in England ein Schwein gehenkt, das ein Kind getötet hatte. Bei der Vollstreckung mussten alle Schweine der Umgebung aus Gründen der Abschreckung anwesend sein. Ebenfalls im England des 18. Jahrhunderts wurde ein Pferd von einem Gericht zum Tode verurteilt, weil der Kutscher bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Da die Eigentümerin bei der Verkündigung des Urteils in Ohnmacht fiel, wurde das Pferd begnadigt. Das Gericht degradierte das Tier jedoch vom Kutschpferd zum Arbeitspferd.

Was zählte, war die Tat, nicht der Täter. Darum wurden auch Schweine angeklagt

Schweine henken und Pferde begnadigen - heißt das, unsere Vorfahren sahen Tiere als Rechtspersonen an, die für ihre Taten voll verantwortlich waren?

Wohl kaum. Im christlichen Abendland war der Mensch unzweifelhaft die Krone der Schöpfung. Wie hoch er aber über den anderen Geschöpfen tronte, das war eine Ermessensfrage. In der Jurisprudenz herrschte allerdings insofern nahezu Gleichberechtigung, als man keinerlei Unterschied machte zwischen den Verursachern des Schadens. Was offenkundig zählte, war die Tat, nicht der Täter. Das Recht galt in jedem einzelnen Fall, unabhängig von dem, den es traf, sei es nun Schwein oder Mensch. Wenn die spätmittelalterliche Praxis der Tierprozesse trotz derart holzschnittartiger Rechtslogik uns heute so skurril erscheint, dann wohl deshalb, weil sich in ihr je nach Region oder Befindlichkeit der Beteiligten ein wunderliches Gemisch von Einflüssen, Denkweisen und Traditionen niederschlug. Sie spiegelt biblisches Recht ebenso wider wie germanisches und römisches. Sie vermischt Weltliches mit Klerikalem, Aberglauben mit simplen Nützlichkeitserwägungen.

Nur eines ist klar: Urteile sollten vor allem künftige Täter abschrecken. So bleibt dahingestellt, ob den tierischen Delinquenten mit der Teilhabe an irdischer Gerichtsbarkeit wirklich ein Gefallen getan war, denn sie wurden genauso bestraft wie ihre menschlichen Leidensgenossen. Und beim Strafen war man im Mittelalter ebenso hartgesotten wie erfindungsreich. Zu den öffentlichen Strafen gehörten: Hängen, Erdrosseln, lebendig Begraben, Verbrennen, Steinigen, Enthaupten, Rädern, Blenden, Auspeitschen, Teeren und Federn, Handabschlagen oder Ausdärmen.

Während weltliche Gerichte für Tiere fast immer die Todesstrafe verhängten - der Verurteilte endete am Baum oder Galgen, ordnungsgemäß und unter Glockengeläut aufgeknüpft vom öffentlich bestallten Scharfrichter -, hatte die kirchliche Gerichtsbarkeit eine ganze Palette von Strafen im Programm.

Sie sprach den Kirchenbann aus, exkommunizierte und exorzierte. Weltliche Verfahren richteten sich nur gegen Haus- und Nutztiere. Die Kirche nahm sich dagegen die Schädlinge vor und prozessierte gegen Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Insekten, Raupen, Engerlinge, Schnecken, Blutegel, Kröten und - am häufigsten - gegen Heuschrecken. Bei der Verhandlung wurden die Tiere als die verklagte Partei behandelt. Kläger waren die Besitzer der gefährdeten Grundstücke.