Unter all den Paradoxa dieses Schriftstellerlebens das am schwersten aufzulösende: Wie konnte es geschehen, dass der ungreifbarste unter den nachkriegsdeutschen Autoren - Hans Magnus Enzensberger, dieses rätselhafte "Luftwesen" (Peter Rühmkorf) - zu einem repräsentativen Autor der Bundesrepublik wurde? Dass er ein solcher ist, wird der notorische "Windhund" - so nannte Martin Walser einst liebevoll-befremdet den Generationsgenossen - wohl nun nicht mehr bestreiten: Vor kurzem wurde gemeldet, dass er sich zum Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste habe wählen lassen.

Das wird die zahlreichen Missgünstigen freuen, die auch nach über vier Jahrzehnten noch jeden seiner Schritte wachsam verfolgen, seltsam beglückt und bestätigt durch alles, was sich wieder einmal als Verrat deuten lässt.

Hat Enzensberger nicht immer wieder voller Sarkasmus die durchdringende Klammheit solcher Ehrungen, überhaupt alles Offiziösen hierzulande angeprangert?

Sicher, das hat er getan. Aber zuweilen - auch dies weiß Enzensberger aus eigener schmerzhafter Erfahrung - ist die große Geste der Verweigerung viel peinlicher als die höflich-resignierte Annahme der Zumutungen, die ein langes Leben in der Öffentlichkeit nun mal so mit sich bringt: bloß nicht festlegen lassen, auch nicht auf die Rolle eines "Unbequemen" und "Unversöhnten", eines ewigen "zornigen jungen Mannes" mit Krähenfüßen an den Augen. "Ich desertiere gern" - so beginnt bezeichnenderweise ein Gedicht aus seinem neuesten Band: "Strategie / oder liebe Gewohnheit - / dazu braucht man wahrhaftig / keine siebzig zu werden."

In der Tat brauchte Enzensberger keine siebzig zu werden, um zu entdecken, dass "der Rückzug ... auch eine Kunst" ist, wie es in dem zitierten Gedicht heißt. Man denke nur an die Ratschläge, die schon der Mittzwanziger in seinem ersten Buch, Verteidigung der Wölfe, erteilte: "Lern unerkannt gehn, lern mehr als ich: / das Viertel wechseln, den Paß, das Gesicht. / Versteh dich auf den kleinen Verrat, die tägliche schmutzige Rettung." Enzensberger hat den kleinen und großen Verrat in all den Jahren mit solchem Erfolg betrieben, dass er heute kaum mehr irgendwo unerkannt gehen kann.

Er zählt zu den drei deutschen Intellektuellen - mehr sind es ja nicht -, deren Interventionen auch außerhalb Deutschlands regelmäßig Resonanz finden: Heute wie schon vor dreißig Jahren trifft dies auf Günter Grass, Jürgen Habermas und eben Enzensberger zu, dem es auch an seinem Geburtstag wie üblich beliebt, "mich zu entziehen, / wenn es sein muß, sogar mir selber". In dem uneinigen Aufklärer-Trio aus der Flakhelfergeneration ist im Rückblick eine Art Arbeitsteilung bei der Verteidigung der Vernunft zu beobachten.

Grass und Habermas haben zwar oft maßvoller als Enzensberger agiert, aber jener ist gerade dank seiner Lust an der Unverantwortlichkeit zweifellos die anregendere Figur. Als er 1967 das System der Bundesrepublik für unreformierbar erklärte und dann sogar der Revolution in Kuba mit der Machete beiseite sprang, blieben die beiden anderen auf eine immer noch staunenswerte Weise unbeeindruckt von seinem anarchistischen Furor und hielten ziemlich einsam dem Common Sense die Treue. Enzensberger hat nie gezögert zuzugeben, dass er nicht selten "mit Spatzen auf Kanonen geschossen" habe: "Daß das keine Volltreffer gab, / sehe ich ein." Seine Niederlagen waren allerdings oft interessanter als die Siege der Kollegen. Übrigens - darüber wird man ja gerade in diesen Tagen ein paar Worte verlieren dürfen - steht Enzensberger im Vergleich zu vielen anderen Linken glänzend da, was seine Haltung zur deutschesten aller Fragen angeht: Nie hat er sich angesichts der Mauer in die Frontstellung des Kalten Krieges pressen lassen. Schon in seiner Büchner-Preisrede von 1963 hat er die Teilung Deutschlands als Zustand eines Volks von "gespaltenen Spaltern" historisch und sozialpsychologisch analysiert. Der Mauer die geschichtsphilosophische Würde anzudichten, sie sei eine Art Mahnmal für die deutschen Verbrechen - wie es andere bekanntlich getan haben -, ist ihm nie eingefallen. Der Wende und der Vereinigung hat er applaudiert, zwar gerührt, aber gleichermaßen frei von nationalpathetischen Anwehungen wie von den seinerzeit verbreiteten Panikgefühlen. Dass es der Masse hier am Ende mehr um den Zugang zu Bananen, Fernreisen und Autos ging als um Demokratie und nationale Identität, schien ihm, der einst den besinnungslosen Konsumrausch der Wirtschaftswunderwelt in seinen Versen verwünscht hatte, eher für die Sache zu sprechen.