Bleib cool, sage ich mir, um die aufkeimende Furcht zu unterdrücken. Ich sehe ein ausgebranntes Haus und schon wieder zerborstene Fensterscheiben in offensichtlich bewohnten Gebäuden. Die Straßen sind schlecht beleuchtet, es sind kaum Autos und nur wenige Fußgänger unterwegs. Seit über einer Stunde schaukele ich mit dem riesigen gelben Taxi durch das Ghetto von Chicagos West Side. Allein kommst du hier nicht mehr raus, denke ich, und dass sich der Fahrer ständig in uralten, völlig zerfledderten Karten neu orientieren muss, stimmt mich nicht gerade hoffnungsvoller.

Schließlich hält er an der Ecke Kensington und Kedzie Street und deutet auf den Platz gegenüber, wo ich eine Menschenmenge erkennen kann. Ich bezahle den Fahrer und bitte ihn, noch zwei Minuten zu warten. Doch offensichtlich ist ihm die Sache nicht geheuer; kaum bin ich ausgestiegen, gibt er Gas, und das Taxi verschwindet in der Dunkelheit. Ein Stoßgebet gegen den schwarzen Himmel sendend, überquere ich die Straße, und erst als ich das handgeschriebene Pappschild mit der Aufschrift "Delta Fish Market" sehe, weiß ich, dass ich richtig angekommen bin.

Wochentags werden an diesem Platz frische Fische aus dem Mississippidelta verkauft. Der Fischhändler ist Bluesfan, und am Wochenende nutzt er die Ladefläche seines Lkw als Bühne. Er heuert Bands an, und die Schwarzen aus der Nachbarschaft (mein demonstrationserfahrener Blick schätzt 200) kommen Freitag- und Samstagnacht, trinken, tanzen, und natürlich gibt es frischen Fisch aus dem Mississippi. Berühmte Musiker standen schon auf diesem Lkw: Sunnyland Slim, Little Littlejohn, Taildragger und andere.

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Marc erzählt mir, dass die Zukunft dieser Wochenendkonzerte unsicher sei. Es häuften sich Streitereien unter Jugendlichen, und erst neulich gab es eine Schießerei. Der Fischmarkt schloss für einige Wochen, und die Konzerte fanden in der Woods Tavern statt, die direkt neben dem Platz liegt.

Doch heute spielt eine Band aus der Nachbarschaft: Die Musiker wechseln sich ab, treffen nicht jeden Ton, aber das tut der Laune keinen Abbruch. Nach den ersten Akkorden swingt die Menge mit, und schon tanzen Frauen, Männer und Kinder auf dem Parkplatz.

Tanzen? Es sind kaum verhüllte Begattungsrituale, die hier aufgeführt werden. Eine spindeldürre Frau dreht sich verzückt im Kreis, den Oberkörper nach hinten gebeugt, und mit jeder Drehung zieht sie ihr Kleid ein kleines Stück höher; es bildet sich ein Tänzerkreis um sie; sie wird angefeuert; zwei andere Frauen tun ihr nach. Der Kreis wird enger und versperrt mir die Sicht. Schließlich löst sich die Gruppe unter Lachen und Applaus wieder auf.