ZEIT-Bibliothek der Ökonomie

Der Ökonom und Politiker Ludwig Erhard liebte einfache Beispiele. So verglich er in seinem Buch Wohlstand für alle die Wirtschaft und die Rolle des Staates mit einem Fußballspiel: "Ich bin der Meinung, daß ebenso, wie der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, auch der Staat nicht mitzuspielen hat." Das Spiel folge bestimmten Regeln, und diese stünden von vornherein fest. Ziel seiner marktwirtschaftlichen Politik sei es, schrieb Erhard, "die Ordnung des Spiels und die für dieses Spiel geltenden Regeln aufzustellen".

Als das Werk des damaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard (1897-1977) im Wahljahr 1957 erschien, hatte er die Weichen für die soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik längst gestellt; die westdeutsche Wirtschaft hatte sich bereits prächtig entwickelt (so hatte sich die Industrieproduktion seit 1949 mehr als verdoppelt). Die CDU machte den Buchtitel zu ihrem Wahlkampf-Slogan. Kein Wunder: Erhard kommt in dem Buch, das ein Handelsblatt -Redakteur für ihn als Ghostwriter verfasste, besonders gut weg. Er behält stets Recht, kritische Punkte seines Wirkens erwähnt es nicht. Seine sozialdemokratischen Gegenspieler wurden dagegen meist eher abschätzig beurteilt. Erst 1959 wandte sich die SPD auf dem Godesberger Parteitag von der Planwirtschaft ab und erwärmte sich für die soziale Marktwirtschaft.

Doch was macht das Buch - trotz seiner Einseitigkeit - heute noch lesenswert? Tatsächlich ist der Bestseller, der in 14 Sprachen übersetzt wurde und inzwischen eine Gesamtauflage von 250 000 Exemplaren erreicht hat, alles andere als ein Lehrbuch. Es macht aber deutlich, auf welchem theoretischen Fundament die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik beruht.

Erhards Konzept der sozialen Marktwirtschaft wurde weitgehend von dem Wirtschaftsprofessor Alfred Müller-Armack, seinem späteren Staatssekretär, entwickelt, der auch den Begriff prägte. Zu den Vordenkern und Ideengebern zählten vor allem auch ordoliberale Ökonomen, wie Walter Eucken ( ZEIT Nr. 46/99) und Friedrich August von Hayek ( ZEIT Nr. 43/99).

Grundlegender Gedanke ist der finktionierende Wettbewerb. "Alles, was wir tun", zitiert er in dem Buch eine eigene Rede aus dem Jahre 1954, "muß von der Absicht getragen sein, den Wettbewerb unter allen Umständen und mit Kraft zu erhalten." Er wollte die "Inthronisierung des Kunden", wie er es nannte. König Kunde sollte die Macht der Nachfrage haben:",Wohlstand für alle' und ,Wohlstand durch Wettbewerb' gehören untrennbar zusammen." Die von ihm als "demokratisches Grundrecht" bezeichnete Konsumfreiheit müsse seine "logische Ergänzung in der Freiheit des Unternehmers finden, das zu produzieren oder zu vertreiben, was er aus den Gegebenheiten des Marktes, d. h. aus den Äußerungen der Bedürfnisse aller Individuen als notwendig und erfolgversprechend erachtet".

Wirtschaftskartelle betrachtete er als "Feinde der Verbraucher". Für Erhard, der in seinem Buch den harten Kampf der Unternehmer gegen das Kartellgesetz schilderte, zählte es zu den zentralen Aufgaben des jungen Staates, den Wettbewerb zu schützen: "Nach meiner Auffassung beinhaltet die soziale Marktwirtschaft eben nicht die Freiheit der Unternehmer, durch Kartellabmachungen die Konkurrenz auszuschalten."

Eindringlich warnte er vor dem Nachgeben gegenüber Sonder- und Gruppeninteressen, aus deren Widerstreit sich "auch keine fruchtbare Synthese ableiten läßt". Eine "Atomisierung der Volkswirtschaft in Gruppeninteressen ist deshalb nicht zu dulden". Der Unternehmer habe "Verantwortung für seinen Betrieb", die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik habe "allein der Staat zu tragen".

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Erhards Buch ist ein Plädoyer für ungebremstes Wachstum Und er kümmerte sich - trotz des Buchtitels - wenig um die ungleichgewichtige Verteilung von Vermögen.

Sein Credo hielt er im ersten Kapitel des Buches fest, in der ihm eigenen volkstümlichen Sprache: "Es ist sehr viel leichter, jedem einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung des Kuchens ziehen zu wollen, weil auf solche Weise jeder Vorteil mit einem Nachteil bezahlt werden muß."

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Ludwig Erhard:Wohlstand für alle; Econ-Verlag, München, Neuausgabe 1997; 49,80 DM (Titel ist zur Zeit nicht verfügbar)