Welch ein Problem! Wie soll ich Kafka und Mann außer Acht lassen, dazu all jene, die ich vergleichsweise neu in meinen persönlichen Kanon aufgenommen habe - Borges, Italo Calvino, Günter Grass - halt, halt!

Meine Wahl muss schließlich doch auf Marcel Proust fallen. Seinem Genie verdanken wir die Synthese der tiefgründigsten, ironischsten Erkundung des menschlichen Charakters aller Geschlechter und aller Klassen mit dem gesellschaftlichen Handeln und Ethos, die im ersten Viertel des Jahrhunderts nicht nur in seinem Heimatland Frankreich, sondern in der Welt Europas existiert haben. Aufgrund der Macht, die diese Welt auf einen großen Teil der übrigen Welt ausübte - auf koloniale Besitzungen, Handels- und Einflusssphären -, bildete es den Auftakt zur Bewusstseinsentwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts in all ihrer Komplexität und Zwiespältigkeit. Proust scheint (seltsamerweise) das monumentale Ereignis der Russischen Revolution nicht wahrgenommen zu haben - und doch zeichnet es sich bei Madame Verdurins Empfängen wunderbar unausgesprochen als Vorahnung ab, genau wie sich die nationalsozialistische Kulmination des Rassismus bereits in den modischen Salongesprächen über den Fall Dreyfus abzeichnet.

Marcel Proust : Auf der Suche nach der verlorenen Zeit