Für James Morgan war es ein schöner Tag. Denn an diesem 11. März 1686 trat er seinen letzten Gang an, der ihn zum Galgen unweit der New Church in Boston führte. Eine vielhundertköpfige Menge, deren Andrang die Zuschauertribüne zum Einsturz zu bringen drohte, begleitete ihn. Die beiden berühmtesten puritanischen Prediger der Kolonie von Massachusetts, Increase Mather und sein Sohn Cotton Mather, spendeten ihm Trost. Mehr als eine Stunde lang beteten sie in all ihrer weithin gerühmten Wortgewalt vor dem ergriffenen Publikum für den Sünder, forderten ihn zur Reue auf und verhießen ihm eine glückselige Zukunft in jener besseren Welt, in die einzutreten er im Begriff stand. Der Delinquent konnte sich der Rührung über diesen geistigen Beistand nicht erwehren. An die Menge gewandt, sprach er von seinen Verfehlungen - allerdings nicht von seiner Mordtat, sondern davon, dass er sonntags nicht zur Kirche gegangen war: "Wenn Gottesdienst war, habe ich die Versammlung verlassen, um Sünden zu begehen und die Lüste des Fleisches zu genießen. Oh, hört meine Warnung und betet zu Gott, dass er euch von der Sünde fernhält, die mein Verderben war!"

Dreihundert Jahre nach der Exekution des reuigen Sünders gehören Hinrichtungen im Rechtssystem vieler amerikanischer Bundesstaaten immer noch zur Normalität, auch wenn die Zahl der Zuschauer inzwischen auf wenige begrenzt ist und diese sorgfältig ausgewählt sind. Das Beharren auf dieser Kapitalstrafe wird indes kaum als ein Relikt jener frühen Kolonialepoche angesehen, sondern gilt eher als Erbe der Pionierzeit des 19. Jahrhunderts, mitinspiriert durch eine alttestamentarische "Auge um Auge"-Mentalität. Doch für viele Amerikaner und noch mehr für die Freunde der einzigen verbliebenen Weltmacht in Europa und anderswo ist das Festhalten an der Todesstrafe, ungeachtet internationaler Proteste, eines der Anzeichen dafür, wie lebendig der puritanische Geist in der modernen amerikanischen Gesellschaft immer noch ist.

Jetzt ist dieses Erbe abermals in einer - zumindest aus Sicht der meisten Europäer - abstoßenden Weise zutage getreten. Ein elfjähriges Kind wurde auf die Anzeige einer Nachbarin hin (das Bespitzeln seiner Mitmenschen in Blockwartmanier scheint wenig zum amerikanischen Selbstverständnis als dem Land individueller Freiheit zu passen) spätabends verhaftet und, an Händen und Füßen gefesselt, ins Gefängnis geworfen. Der Vorwurf: sexuelle Nötigung, schwerer Inzest. Die Groteske um den kleinen Raoul empörte die Welt - und ist doch nur eine von vielen ähnlicher Art. So untersuchen amerikanische Gynäkologen ihre Patientinnen oft nur unter einer schamhaften Abdeckung.

Kleine Mädchen müssen schon im Babyalter ein Oberteil oder einen Einteiler im Schwimmbad tragen, wenn ihre Eltern sich nicht zumindest vorwurfsvolle Blicke einhandeln wollen. Und aus der Videofassung der Filmschnulze Titanic wurde die kurze und harmlose Liebesszene zwischen Jack und Rose als jugendgefährdend herausgeschnitten - während man im amerikanischen Fernsehen dieselbe Jugend einem 24-Stunden-Bombardement von Gewalt, Mord und Totschlag aussetzt, ohne dass dies nennenswerte Erregung hervorrufen würde. Aber Gewalt - die wird sogar gelegentlich von "Christen" als gerechtfertigt erklärt, wenn wieder einmal religiöse Fanatiker einen Arzt, eine Schwester oder eine schwangere Patientin vor einer Abtreibungsklinik niedergeschossen haben.

Auf der Suche nach den Wurzeln für all derlei Unbegreiflichkeiten stößt man früher oder später auf die monströse Gestalt des Cotton Mather, der wie kein anderer den Typus des dogmatischen Puritaners verkörpert. Dass er in jüngerer Zeit differenzierter beurteilt wird, kann man, je nach Standpunkt, als Versuch historischer Gerechtigkeit werten (zumal er sich noch in seinen letzten Jahren fortschrittlicherweise für eine Vorform der Pockenschutzimpfung eingesetzt hatte) oder aber als Symptom für eine Geschichtsrevision im Sinne eines erstarkenden christlichen Fundamentalismus.

Im Gegensatz zu anderen Auswanderern in die Neue Welt war es nicht das Streben nach Gold, nach Reichtum, nach einem ökonomisch besseren Leben, das jene Menschen nach Amerika trieb, die sich von 1620 an entlang der Massachusetts Bay niederließen und dort Städte wie Plymouth, Boston oder Cambridge gründeten. Als Puritaner wurden sie meist von ihren Gegnern bezeichnet

Mather und andere führende Köpfe dieser Bewegung benutzten den Terminus fast nie. Was sie in der Neuen Welt suchten, war eine reine (englisch: pure) Gesellschaft ohne die in der Heimat zu beobachtende Dekadenz, den moralischen Verfall, die Hinwendung zum Weltlichen. Sie wollten eine city upon the hill, eine weithin sichtbare Stadt auf dem Hügel, gründen, die der ganzen Christenheit als leuchtendes Beispiel eines frommen, gottgefälligen Lebensstiles gelten konnte, fernab von der eitlen Pracht des barocken Europa.