Der Kampf gegen Ungleichheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie des schwedischen Nobelpreisträgers Gunnar Myrdal. Er glaubte nicht, dass die unsichtbare Hand des Marktes die Ungleichgewichte beseitigen könne, auch nicht die Kluft zwischen den armen Staaten der Dritten Welt und den reichen Industrieländern. Gunnar Myrdal (1899 bis 1987) war überzeugt, dass Wohlfahrt national wie international nur dann zu erreichen ist, wenn staatliche Interventionen die Marktprozesse steuern.

Die zehnjährige Tätigkeit als Leiter der Europäischen Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen sensibilisierte ihn für die Entwicklungsunterschiede in Europa, aber auch für die Armut in Afrika und Asien. Sein Buch Economic Theory and Underdeveloped Regions (deutsch: Ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen) veröffentlichte er 1957 - in einer Zeit, in der viele ehemalige Kolonien unabhängig wurden und nach passenden Konzepten für ihre Wirtschaftpolitik suchten. Myrdal, ein Vordenker der Entwicklungspolitik, kommt zum Ergebnis, dass die gängigen Wirtschaftstheorien nicht auf die Situation der armen Nationen anwendbar sind.

Wirtschaftszentren, häufig durch Zufall in der Nähe von Rohstoffvorkommen oder Handelsstraßen entstanden, lockten Kapital sowie Wissenschaft und Kunst an - zum Nachteil der umliegenden Regionen: Das Kapital wandert ins Zentrum der Expansion. Wegen der Nachfrage nach weiteren Investitionen ist dort die Rendite höher als in den weniger entwickelten Regionen. Dort wiederum verhindert der Kapitalmangel die Chancen auf Entwicklung.

Obwohl sich die wirtschaftlichen Unterschiede der Weltregionen sichtbar vergrößerten, bemängelt Myrdal, pochten die Befürworter des Freihandels unvermindert darauf, dass sich Faktorpreise und Einkommen durch Handel angleichen. "Oft stärkt eine Vergrößerung der Märkte zunächst die reichen und progressiven Länder, deren Industrien einen Vorsprung haben." Die armen Nationen hätten das Nachsehen. Die Entwicklungsländer könnten aber ihre Lage erheblich verbessern, wenn sie mit ihrer Wirtschaftspolitik in die Marktprozesse regulierend eingriffen, die sie bisher in die Armut getrieben haben.

Nach Myrdals Auffassung lassen die bis dato gängigen Wirtschaftstheorien Aspekte außer Acht, die gerade für Entwicklungsländer relevant sind: nichtökonomische Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung, die Qualität der Böden oder gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Ohne Demokratie sei es schwer, mehr Gleichheit durchzusetzen. In vielen armen Ländern sei "die natürliche Tendenz zur Ungleichheit dadurch verstärkt worden, daß feudale oder andere bestehende Privilegien durch Institutionen und Machtkonstellationen gesichert werden, die die Reichen schützen und die Armen ausbeuten".

Das Dilemma der Entwicklungsländer: Um ihre wirtschaftliche Position international zu verbessern, müssen sie zunächst im Innern die Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich beseitigen. Myrdal sieht auch keinen Widerspruch zwischen höherer Produktivität und größerer Verteilungsgerechtigkeit. Im Gegenteil, die soziale und gesellschaftliche Verkrustung bremse die Entwicklung in Wirklichkeit stärker als egalitäre Politik. Das Laissez-faire-Prinzip stamme aus Zeiten, in denen der Staat die Privilegien der Reichen schützte.

Investitionen in Entwicklungsländern müssen laut Myrdal einstweilen vor den Kräften des Marktes geschützt werden, weil sie zunächst nicht rentabel sind. Die Federführung für das gesamte Entwicklungskonzept sollte der Staat übernehmen. Unter dem Eindruck wachsender Korruption seitens der Regierungen revidiert Myrdal seine Meinung später und plädiert dafür, Gelder möglichst direkt an Projekte zu verteilen und ihre Verwendung scharf zu kontrollieren.