PETER SLOTERDIJK: In seiner Autobiografie Die Welt von Gestern beschreibt Stefan Zweig eine versunkene Epoche, in der das Wiener Burgtheater Mittelpunkt der Welt war, heute vergleichbar mit einer Talkshow zur besten Sendezeit. Die Krönung der Existenz bestand darin, als Burgschauspieler auf der Bühne zu stehen. Wie sehr würde Zweig sich wundern, wer heute auf dieser Bühne erscheint. Und wie sehr müssen wir uns über die Revolution der Medien Rechenschaft ablegen, wenn wir uns bewusst machen, dass wir jetzt das Privileg haben, für anderthalb Stunden "Burgschauspieler" geworden zu sein. Herr Lafontaine, Sie zitieren in Das Herz schlägt links Walter Benjamin und beklagen mit ihm den Verlust der Aura am Kunstwerk. Sie gestehen damit zu: Ich bin nicht nur jener Lafontaine, der in Saarbrücken sein weltberühmtes "Privatleben" führt, sondern auch ein Medienkunstwerk, das überdenken muss, wie es um das Verhältnis zwischen dem Echten und dem steht, was die Medien daraus gemacht haben.

OSKAR LAFONTAINE: Die Apparate verändern die Aura, bei der technischen Reproduktion geht das Echte verloren. Das beginnt bei Veranstaltungen wie dieser: Ich möchte die Augen des Publikums sehen, doch im Scheinwerferlicht geht es nicht. Es setzt sich fort im Parlament. Die Rede wird nicht gehalten für die Zuhörer im Saal, man formt die Sätze für den Fernsehzuschauer. Die Medien stehen zwischen Sender und Empfänger.

LAFONTAINE: Die Wahrheit beginnt beim Reden: Man muss das sagen, was man meint. Ich bin dafür, das Ablesen von Reden zu verbieten. Dann würde man von der Person, die sich äußert, mehr mitbekommen.

SLOTERDIJK: Bei Ihnen kommt erschwerend hinzu, dass Sie ohne Amt dieselben Ideen vertreten wie im Amt. Doch als Sie sich zurückzogen, sahen Sie für viele aus wie ein Deserteur.

LAFONTAINE: "Deserteur" empfinde ich nicht als Kränkung, Le déserteur ist eines meiner Lieblingslieder. Was ich niemals sein möchte: ein Fahnenflüchtiger von meinen Überzeugungen. Von Politikern, die aus dem Amt scheiden, hört man: "Jetzt kann ich sagen, was ich denke." Es wäre besser, auch im Amt zu sagen, was man wirklich meint. Man kann später dabei bleiben.

SLOTERDIJK: Außerdem hat, wer ehrlich ist, kein Problem damit, sich die eigenen Meinungen nicht merken zu können ... Ich erinnere mich, dass nach Ihrem Rücktritt eine Persönlichkeit Ihrer Partei im Fernsehen einen bemerkenswerten Satz von sich gab. Über diesen Satz kann ich mich immer noch ärgern, was selten passiert, weil ich das Fernsehen als Medium für Gleichgültigkeitsübungen benutze. Er sagte: "Wir müssen Lafontaines Ausscheiden auch als eine Chance für die Partei begreifen." Worin besteht die Chance, wenn der beste Mann geht?

LAFONTAINE: Wir haben nun mal in der Sozialdemokratie die Diskussion zwischen "Traditionalisten" und "Modernisierern". Unter "Modernisierung" wird etwas verstanden, was auf Sozialabbau hinausläuft. Ich vertrete die gegenteilige Position. Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion ist es nicht notwendig, den europäischen Sozialstaat aufzugeben und sich dem angloamerikanischen Kapitalismus anzupassen.