Ich hatte das Gefühl, der Berg wird immer größer, und ich weiß nicht, wie ich ihn überwinden kann." Ein Jahr lang schob Alma-Elisa Kittner ihre Hausarbeit über den Mythos-Begriff bei Richard Wagner vor sich her. Den Schein brauchte sie, um das Hauptstudium in Kunstgeschichte abzuschließen. Doch anstelle der verlangten 40 Seiten füllten sich ihre Ordner. Die Studentin hamsterte Texte, statt selbst welche zu schreiben.

Sie glaubte, in die Arbeit auch Nietzsche noch reinpacken zu müssen, und was sie über den Mythos bei australischen Ureinwohnern wusste, durfte ebenfalls nicht fehlen. "Von Zeit zu Zeit habe ich meine riesige Materialsammlung rausgekramt, mich reingearbeitet, um dann wieder alles liegen zu lassen", berichtet die 28-jährige Kunsthistorikerin. Dass sie ihr Thema zu weit gefasst und die Ansprüche zu hoch geschraubt hat, sah sie nicht. Stattdessen stellte sie die Selbstdiagnose: "Nicht die Arbeit ist zu groß, sondern ich bin zu klein."

Viele angehende Akademiker kämpfen mit Schreibhemmungen, doch kaum einer gesteht es offen ein. Die Angst vor dem leeren Blatt kann sich zu Studienkrisen auswachsen und führt oft dazu, dass Studenten ihr Studium in die Länge ziehen oder gar abbrechen. Hilfe von den Hochschulen gibt es kaum. Auch Professoren und Dozenten kümmern die Probleme wenig.

Alma-Elisa Kittner hatte Glück. Sie studierte an der Ruhr-Universität Bochum, einer der wenigen deutschen Hochschulen, die professionelle Hilfe bei Schreibproblemen anbieten. Seit 1997 gibt es am Germanistischen Institut ein Schreibzentrum, das eine offene Sprechstunde und Schreibtraining in ein- oder zweitägigen Kursen anbietet. Bis heute haben hier rund 600 Studenten Rat gesucht, hauptsächlich Geisteswissenschaftler. Die meisten kommen, weil sie die erste große Schreibarbeit bewältigen müssen, eine Hausarbeit im Hauptstudium, die Magister- oder Doktorarbeit.

Nichtanfangen und Nichtaufhören - das sei der gemeinsame Nenner fast aller Schreibstörungen, erläutert die Leiterin des Bochumer Schreibzentrums, Gabriela Ruhmann, ihre Erfahrungen. Sämtliche Arbeitsschritte, die beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit anfallen, werden hinausgezögert. Die einen lesen wahl- und endlos und finden kein Thema. Andere horten Bücher und Kopien, ohne mit dem Lesen zu beginnen. Viele lesen ohne Ende, exzerpieren unsystematisch und schaffen es nicht, das Material zu strukturieren. Oder sie hören mit dem Strukturieren nie auf.

Sobald der Computer anspringt, geht der Kühlschrank auf