Berlin

Was ist das? Ein Kiep-Skandal, eine Unionskrise oder eine Staatsaffäre? Der Verdacht der Steuerhinterziehung gegen einen halb schon vergessenen Parteischatzmeister regt nicht so recht auf, und an die Käuflichkeit hoch politischer Waffenexport-Genehmigungen mag man einstweilen nicht glauben. Die Sache mit der Union dagegen ist brisant. Aus dem Hochgefühl ihrer Wahlsiege wird sie in die Sumpfregionen der Barzahlungen und Buchungskunststücke hinabgezogen. Die Christdemokraten mögen sich als Opfer eines Ablenkungsmanövers sehen; aber das Mitleid hält sich in Grenzen mit einer Partei, die für ihre jüngsten Erfolge so wenig hat tun müssen. Da die noch schwächere Regierung die Schwächen der Opposition nicht aus eigener Kraft ans Licht bringen kann, ist nun der Enthüllungszufall zu Hilfe gekommen. Unverdientes Pech für die Union - oder höhere Gerechtigkeit?

In den letzten Tagen war zu beobachten, wie unsicher die neue Parteiführung in der Kiep-Affäre mit dem Kohl-Erbe umgeht. Bis zum Wochenende konnte man den Eindruck haben, es laufe auf eine Distanzierung von der Vergangenheit hinaus; Wolfgang Schäuble machte beinahe überdeutlich, dass er nur für die Zeit der eigenen Amtsführung verantwortlich sei. Nach der Präsidiumssitzung vom Montag ist er auf dieser Linie zumindest nicht weiter vorgerückt - dass er keineswegs die Finanzgeschichte der Partei aufzurollen gedenke, klang nun mehr wie die Entschuldigung für eigene Untätigkeit denn wie eine Spitze gegen Kohl. Kohl selbst war da schon wieder mit Macht auf der Bildfläche erschienen - mit einem fanfarenhaft aufgemachten Interview in der Welt am Sonntag und ausführlichen Stellungnahmen gegenüber eigens zusammengetrommelten Journalisten. Schäuble überließ, schlecht bei Stimme, die Führung der Pressekonferenz seiner Generalsekretärin, mischte sich unter dem Druck der Fragen dann doch mit Mühe ein und musste am Nachmittag mit einer Gallenkolik ins Krankenhaus.

Von Selbstbesinnung wollte die Union nach ihrer Niederlage nichts wissen

Wie zufällig dieses Zusammentreffen von Vitalitätsbeweis des Alten und Schwächeanfall des Neuen auch war, symbolisch-ominöser hätte es sich niemand ausdenken können. Denn wirklich aus dem Schatten Kohls herausgetreten ist die Union bis heute nicht. Es begann mit dem Bonner Parteitag bald nach der Wahlniederlage vom vergangenen Herbst, als nicht nur von Abrechnung und Scherbengericht, sondern auch von einer wirklichen Selbstbesinnung keine Rede war. Angela Merkel war damals die Einzige aus der Parteispitze, die kritischer zurückblickte, indem sie nämlich an die Stelle der Kohlschen Wahlkampflosung "Sicherheit statt Risiko" das abenteuerlustigere Motto "Risiko statt Sicherheit" setzen wollte. Und auf dem gleichsam natürlichen Merkel-Terrain, der innerdeutschen Ostpolitik, ist ein Kurswechsel denn auch am deutlichsten erfolgt, durch Ausmusterung der roten Socken und neuen Pragmatismus gegenüber der PDS.

Und sonst? Dass man für Veränderungen das Vertrauen der Bevölkerung braucht und nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen darf, wie die Union neuerdings so betont - das ist eher eine Selbstkorrektur des einstigen Reformtreibers Schäuble als ein Abrücken von Kohl; der hatte gerade das immer gewusst. Dass die Steuer-, Gesundheits- und selbst Rentenpolitik der Bürgerlichen besser war als die der Rot-Grünen, kann man fast als politisches Gemeingut aller Verständigen bezeichnen. Aber es wirkt bezeichnend, dass man es eben so formuliert, in der Vergangenheitsform: "Sie war besser"; der Glanz fällt mehr auf die alte Regierung als auf die neue CDU. Von Schröder enttäuscht zu sein heißt, die Entscheidung vom 27. September 1998 zu bedauern, also die Abwahl von Kohl zu bereuen - es ist dann nur logisch, sich Kohl zurückzuwünschen. Seit dem Herbst ist diese Art Nostalgie unverkennbar. Und die Festivitäten zum 9. November haben die historische Überlebensgröße des Einheitskanzlers mit seiner unübersehbaren Präsenz verbunden. Wenn die Union zuletzt in den Umfragen so gut abgeschnitten hat - zogen die Leute dann eigentlich die Opposition der Regierung vor oder das Gestern dem Heute? Nun also ist die Vergangenheit, von der sie in mehr als einer Hinsicht zehrt, der Union auch zur Last geworden. Wobei schwer einzuschätzen ist, ob die Skandalbombe wirklich zündet und wie groß ihre Sprengkraft sein wird. Denn auch das gehört zu der merkwürdigen Geschichtlichkeit der Sache: ihr Zitat- und Reprisencharakter, das Déjà-vu-Gefühl - noch einmal schwarze Kassen, noch einmal das Warten auf den neuesten Spiegel , noch einmal der richtige Frontverlauf zwischen den Aufklärern hier und dort den Dunkelmännern der Bourgeoisie. Zu den seltsamsten Berliner Erlebnissen der vergangenen Monate zählte es, wie Eberhard von Brauchitsch, die Zentralfigur der Flick-Affäre, seine Memoiren vorstellte. Es war wie eine Geisterstunde, die Beschwörung alter Zeiten, eine Erinnerung an - wie Hans Magnus Enzensberger seinerzeit diese Sphäre beschrieben hatte - "altdeutsche Herrenzimmer, kalten Zigarrenrauch und gepolsterte Türen". Alles wirkte sehr weit weg, wie in einem Schwarzweißfilm. Werden wir nun eine Fortsetzung in Farbe erleben? Oder ist das alles "Bonner Republik" und auf dem Umzug verloren gegangen?