Vorweihnachtszeit. Wohl dem, dessen Kinder noch zu klein sind für sündhaft teure Rollerblades oder Computerspiele, bei denen das virtuelle Blut spritzt. Stattdessen greifen kleine Kinderhände nach weichen Teletubbies und Plastikplutos. Plötzlich langen große Finger dazwischen, fegen die Reihen des gummierten Lächelns aus dem Regal, türmen sie zu einem Berg und halten Spruchbänder hoch. " Kein Umweltgift in Kindermund!" So geschehen am 2. Dezember 1997 beim Spielzeuggroßhändler Toys 'R' Us in Hamburg und bei Karstadt in Berlin. Greenpeace war's - und der Handel reagierte prompt auf den Einsatz der Umweltschützer.

Nur einen Tag nach der Aktion ließ Karstadt in allen Filialen Babyspielzeug aus Weich-PVC entfernen. Am 5. Dezember folgten Kaufhof, Hertie, Kaufhalle und Horten. Auch die großen Versandhäuser wie Quelle und Otto, Drogerien und Spielwarenfachgeschäfte zogen nach. "Innerhalb einer Woche hatten rund 70 Prozent der Händler Babyspielzeug aus Weich-PVC aus den Regalen geräumt", sagt Manuel Fernandez von Greenpeace in Hamburg. Einzig die amerikanische Handelskette Toys 'R' Us erklärte, sie verkaufe ausschließlich Spielzeug, das die gesetzlichen Richtlinien und Normen in jedem Land erfülle. In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt keine rechtsverbindliche Begrenzung des Gehaltes an Phthalaten in Beißringen, Quietscheentchen und anderem mundgerechten Spielzeug. Das Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) empfahl jedoch, dass "migrierende flüchtige Stoffe außer Wasser (dazu gehören Phthalate, die Red.) 3,0 Milligramm pro Quadratzentimeter und Stunde nicht überschreiten sollten". In den von Greenpeace untersuchten Spielzeugen, die zum Teil bis zu 60 Prozent aus Phthalaten bestanden, wurde dieser Wert um das 16- bis 32fache überschritten. Am 14. Januar 1998 nahm schließlich auf Druck der Öffentlichkeit auch Toys 'R' Us alle Weich-PVC-Beißringe aus dem Handel - zumindest wurde das offiziell verkündet. In einigen anderen Ländern Europas, etwa in Schweden, Belgien und Holland, hat die Regierung Hersteller und Handel aufgefordert, phthalathaltiges Babyspielzeug unverzüglich vom Markt zu nehmen. Die schwedische Industrie versuchte, die Verbotsfrist hinauszuzögern, um bereits hergestellte Produkte noch zu verkaufen. In Holland kümmerte sich kaum jemand um den Appell. In Belgien konnten Greenpeace-Mitarbeiter bei der Firma Maxi Toys, zugehörig zu Toys 'R' Us, noch im November dieses Jahres Spielzeug aus Weich-PVC ausfindig machen.

Frankreich und Österreich als Vorreiter

Am schnellsten reagierten die Parlamente Frankreichs und Österreichs auf die Studien über phthalathaltiges Spielzeug: Im Januar dieses Jahres trat in Österreich als erstem Mitgliedsland der EU ein Gesetz in Kraft, das phthalathaltiges Plastikspielzeug aus Weich-PVC für Kinder unter drei Jahren verbietet. In Frankreich ist ein solches Verbot seit Juli 1999 wirksam. Zudem sollten hier alle betreffenden Artikel durch eine Rückrufaktion vom Markt genommen werden.

Doch die Umsetzung verläuft alles andere als reibungslos. So räumte Österreich dem Handel eine Frist von vier Monaten ein, um die Regale von Weich-PVC-Spielzeug für Kinder unter drei Jahren zu befreien. Trotzdem mussten in diesem Sommer Inspektoren der Wirtschaftsbehörde in die Läden ausschwärmen, um phthalathaltige Bestände auszusortieren. Und in Frankreich verzeichnete kein Hersteller die Rücklieferung größerer Mengen phthalathaltigen Spielzeugs aus dem Einzelhandel.

In Deutschland reagiert der Handel gelassen auf ein mögliches Verbot durch die EU. "Wir haben Babyspielzeug aus Weich-PVC schon vor zwei Jahren aus dem Sortiment genommen. Kommt jetzt ein Verbot, werden wir erst einmal die Reaktion der Hersteller abwarten", sagt Elmar Kratz, Sprecher von Karstadt.

Aus Altbeständen tauchen aber immer wieder phthalathaltige Spielzeuge im Handel auf, wie etwa die im Juli dieses Jahres in einer Hamburger Apotheke entdeckten Beißringe. Auch das Kürzel "CE", das auf dem meisten Spielzeug zu finden ist, bescheinigt lediglich, dass Puppe oder Teddy den europäischen Standards entsprechen - und diese Standards enthalten noch kein Verbot von Phthalaten. Deshalb gilt für Eltern, wachsam beim Spielzeugeinkauf zu bleiben: Es ist nicht auszuschließen, dass der Handel gerade jetzt seine Lagerbestände an den Mann und an die Frau zu bringen versucht. Bei Toys 'R' Us in Hamburg etwa entdeckten Greenpeace-Mitarbeiter vor einigen Wochen keine phthalathaltigen Beißspielzeuge in der Babyabteilung - die so genannten "Teether" aus Weich-PVC hatte man unverfänglich zwischen Puppen, Teddys und Kuscheltieren in anderen Regalen platziert.