Dreimal wurde der inoffizielle Titel von den Medien in den vergangenen zwölf Monaten vergeben: Deutschlands jüngste Professorin. Die Zahl junger Wissenschaftlerinnen unter 35 Jahren auf einem Professorenstuhl ist stark gestiegen. Vor vier Jahren machte die Genetikerin Christiane Nüsslein-Volhard als Nobelpreisträgerin Schlagzeilen. Frauendiskriminierung in der Wissenschaft? Wer solche Meldungen liest, glaubt, das Thema sei Vergangenheit.

Tatsächlich hat sich in Europa viel getan, damit Wissenschaftlerinnen die gleichen Karrieremöglichkeiten haben wie ihre männlichen Kollegen. Gesetzeshürden wurden beseitigt, spezielle Programme aufgelegt, Frauenbeauftragte berufen. Schon klagen Männer über den Frauenbonus, den Wissenschaftlerinnen bei Berufungen genössen. Sie haben Recht: In gewissen Situationen ist es in der Forschung von Vorteil, eine Frau zu sein - in den meisten Fällen ist es jedoch ein schwerer Nachteil, in Deutschland wie in allen anderen Ländern Europas.

Der Report, der 20 Jahre Frauenförderung in Europa analysiert, bezeichnet das Phänomen als "die löchrige Pipeline". So schreiben sich in vielen europäischen Ländern - auch in Deutschland - mehr Frauen als Männer zum Studium ein. Schon beim Diplom sinkt der Frauenanteil hierzulande unter die 40-Prozent-Marke. Bei den Promovenden ist jede Dritte eine Frau, bei den Habilitanden nur noch jede Fünfte. An der Spitze der Hierarchie, unter Lehrstuhlinhabern, haben Frauen bei einem Anteil von 5,5 Prozent gar Exotenstatus. Eine geringere Quote weisen in der EU nur wenige Staaten auf. Erheblich besser sind die Chancen für eine Wissenschaftskarriere in süd- und nordeuropäischen Staaten - interessanterweise häufig in Ländern, in denen Gehalt und Prestige eines Professors niedriger sind als in Deutschland. An der Universität Lissabon etwa sind heute mehr als 30 Prozent der Professuren weiblich besetzt.

Vorbei die Zeiten, als Frauen der Zugang zu Universitäten und Forschungsinstituten prinzipiell versperrt blieb. Heute werden sie innerhalb der Wissenschaft ausgeschlossen: von Stipendien und Förderpreisen, Forschungsgeldern und Lehrstühlen. Diese Schlechterstellung vollzieht sich keinesfalls offen. Es handelt sich um eine "weiche Diskriminierung", die oftmals nicht einmal den Beteiligten bewusst ist. Das beginnt bereits bei der Bewerbung. So wies eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie nach, dass Frauen ausgerechnet im Musterland Schweden von den Auswahlkommissionen selbst dann weniger wissenschaftliche Kompetenz zugesprochen wurde, wenn sie mehr Veröffentlichungen aufzuweisen hatten als ihre männlichen Konkurrenten. Der Grund: In der Auswahlkommission überwogen die Männer.

Oftmals erweisen sich auch die Wissenschaftsstrukturen als familien- und damit frauenfeindlich. Ohne frühe und zahlreiche Publikationen gibt es in der Wissenschaft keinen Aufstieg. Frauen mit Kindern verlieren wichtige Jahre. Wer dennoch Karriere machen will, schafft dies nicht ohne Tagesmütter, Kindermädchen oder Großeltern, wie auch die Beispiele auf diesen Seiten zeigen. Die Zeit, in der sich die Forscherinnen ihrer Familie widmen, fehlt für die wichtige Kontaktpflege. In Ländern wie Deutschland, wo die Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses besonders von Beziehungen abhängt, wiegt dieser Nachteil besonders schwer. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der Anteil der Professorinnen, die allein leben, dreimal so hoch ist wie bei Männern.

Die Zeit wird den Missstand nicht heilen. Pro Jahr wächst der Anteil der Professorinnen in der EU nicht einmal um ein Prozent. Wichtig, so die Autorinnen des EU-Reports, sei eine aktive Förderpolitik. So fordern sie unter anderem, die Zahl der Frauen in wichtigen Kommissionen und Auswahlgremien bis zum Jahre 2002 auf 30 Prozent zu erhöhen. In den USA wird Instituten, die Frauen nicht gleiche Chancen geben, der Geldhahn zugedreht. Eine ähnliche Politik verlangt die Leiterin der EU-Expertengruppe, die Zellbiologin Mary Osborn: "Europa kann es sich nicht leisten, die Hälfte seines wissenschaftlichen Potenzials brachliegen zu lassen."